Wachsende Stadt

„Nach-Verdichtung" - und eine menschliche Stadt

Die Politik der Nachverdichtung hat zu einem regelrechten Bauboom geführt: Kleinere Einzelhäuser werden abgerissen und durch große Bauten ersetzt, Grün- und „Brach“-Flächen werden beseitigt und dicht bebaut. Nun hat es auch mich in der Höxterstrasse erreicht. Von Manfred Bonson

Ein hübsches, gut erhaltenes Einfamilienhaus nebenan soll durch ein großes Gebäude ersetzt werden, das weit in den bisherigen Garten hineinreicht. Der Rest des Nachbargartens würde zum Parkplatz – wenn es nach dem Willen des neuen Eigentümers geht. Mein schöner Garten würde kaum noch Sonne bekommen. Ein egoistischer Ärger? Ist es denn etwa nicht wichtig, Wohnraum zu schaffen? Es fällt einem gefühlsmäßig schwer, gegen dieses scheinbar so gute Ziel etwas zu sagen. Das Argument für Nachverdichtung lautet schlicht: „Viele Menschen wollen nach Hamburg, wir schaffen Wohnraum.“ Aber so einfach ist es nicht. Diese Politik ist, wohlmeinend interpretiert, zu kurz gedacht, in Wirklichkeit aber: verlogen!

Es geht in Wahrheit schlicht und einfach wie immer nur ums Geld, ums Geldmachen: Die Bauindustrie verdient gewaltig, das Handwerk, die Investoren und Grundstücksspekulanten. Hamburg bekommt (noch) mehr Millionäre ! Wollte ich mein Grundstück verkaufen, könnte eine Familie, die mein Haus nicht abreißen, sondern für sich erhalten würde, maximal 500.000 Euro bezahlen. Der „Immobilienhai“ (sorry) aber bietet mindestens 800.000 Euro! Wer bekommt das Grundstück wohl?

Das Grün wird weitgehend beseitigt. Der Charakter der Straße, des Viertels, Hamburgs ändert sich. Verdichtung heißt Vernichtung von Grün, von Gärten, von Bäumen und Büschen und Wiesen – alles, was wir gerade in der Stadt brauchen. Wir brauchen Luft zum Atmen, Freiräume, zum Spielen für die Kinder, für uns selbst, für die Vögel, die wir gerade jetzt im Frühling noch reichlich hören, jedenfalls morgens, wenn sie noch nicht vom Verkehrslärm der Osterfeldstraße und den Flugzeugen übertönt werden.

Unsere Stadt ist schon „dicht“ genug, sie ist schon überfüllt! Es ist, ich kann es nicht anders sagen, pervers, sie noch voller zu machen. Der Autoverkehr hat schon jetzt jedes vernünftige und erträgliche Maß weit überschritten. Die Luft in Hamburg ist schon schlecht genug, sie ist schon seit Jahrzehnten voller Abgase. Früher wurde davon gesprochen, dass Hamburg (im Gegensatz zu anderen Städten) eine „grüne Lunge“ hätte , und wie wichtig das Grün für die Kompensation der Abgase wäre: Jedes Blatt schluckte so und so viele Abgase. Heute gilt nur noch die „grüne Welle“ für die Autos.

Sicher werden so mehr Wohnungen geschaffen, aber zu welchem Preis – und zu welchen Preisen?

Es gibt keine Analyse, die der Politik der Nachverdichtung zu Grunde läge, die ihre (angeblichen) positiven, und ihre negativen Folgen untersuchen, abwägen und bewerten würde.

Es gibt kaum ernsthafte Kritik an diesem Dogma bei den Parteien und in der Publizistik.

Es gibt keinen Gedanken daran, dass eine weitere Überfüllung unserer Stadt die Lebensqualität ihrer Bewohner senkt, keinen Gedanken daran, was eine „menschliche Stadt“ bedeutet, keinen Gedanken an die „Grenzen des Wachstums“, keinen Gedanken daran, dass eine weitere Vernichtung des Grüns, eine weitere Steigerung des Autoverkehrs die Klimakatastrophe kräftig fördert !

Unsere „grünen“ Politiker können wir vergessen – sie sind nur „grün angestrichen"!

Der Begriff Nachverdichtung ist zugleich ein Musterbeispiel politischer Propaganda. Er suggeriert, dass es eine (überflüssige, nutzlose) Lücke gäbe, die es zu schließen gelte : Wir müssen etwas Versäumtes nachholen. Gärten, Kleingärten, Bäume sind also unnötig? Sind ein Fehler, den es zu beseitigen gilt? Sind keine Oasen in der Betonwüste? Die Betonwüste wird mit dummen Sprüchen wie „Mehr Stadt in der Stadt“ verherrlicht. Wie verdreht muss man denn sein, um diese Ideologie zu predigen – und ihr auf den Leim zu kriechen?

Am Ende sind noch die Flüchtlinge schuld...

Serie zum Thema

Teil 1: „Nach-Verdichtung" - und eine menschliche Stadt
Teil 2: Verdichtung = Vernichtung
Teil 3: Siemersplatz-Inferno ist überall
Teil 4: Bauboom, Preisexplosion und Autowahnsinn
Teil 5: Ein neuer Krieg
Teil 6: Umdenken in der gesamten Stadtpolitik
Teil 7: Beispiel Höxterstraße

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© Lokstedt-online 22.03.2017, Autor: Manfred Bonson