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Wachsende Stadt

Beispiel Höxterstraße

Es gibt auch mal Erfreuliches - oder wenigstens: Erfreulicheres - zu berichten. Ich hatte beklagt, dass neben meinem schönen Einzelhaus in der Höxterstraße nun ein großer hässlicher Bau errichtet wird, der den Charakter der Straße weiter zerstört und mir die Sonne nimmt. Ganz so schlimm wird es nun offenbar nicht. Teil 7 einer Serie von Manfred Bonson

Das Gebäude hat auf Veranlassung des Stadt ein Spitzdach bekommen und fügt sich so viel besser in die Umgebung ein. Jedenfalls hat man im jetzigen Bauzustand den Eindruck. Das Gebäude ist noch nicht ganz fertig, das Gerüst steht noch, und es kommt natürlich auch darauf an, mit welcher Art von Ziegeln das Dach bedeckt wird. Das Haus war ursprünglich mit hässlichem Flachdach plus „Aufsatz“ („Penthouse“) geplant - so wie einige andere große Gebäude, die in neuerer Zeit in die Höxterstraße gesetzt wurden und den Charakter der Straße schon erheblich beeinträchtigen.

Die Behörde hat aber diese Veränderung verlangt, und sie hat damit gleichzeitig auch eine Reduzierung der Wohnungsanzahl gefordert. Der Bauherr wollte 12 Wohnungen, nun sind es offenbar 8 Wohnungen. Außerdem wollte der Investor den hinteren Garten zum Parkplatz machen. Auch das wurde, Gott sei Dank, nicht erlaubt. Verständlich, dass von interessierter Seite immer wieder gegen die „bürokratischen Vorschriften“, die das Bauen und überhaupt die Wirtschaftstätigkeit behinderten, gewettert wird. Ein Geschäftsmodell, dass auf der Missachtung des Gemeinwohls beruht, sollte eben in unserer Demokratie nicht ohne weiteres funktionieren. Wir sind ja nicht in einer Bananenrepublik – oder? Natürlich ist das ein ständiger Kampf, und oft verliert das Gemeinwohl. Etliche Vorschriften wurden ja schon aufgeweicht oder gar klammheimlich gestrichen. Investitionshemmnisse wurden über Nacht beseitigt.

So wusste niemand in der Höxterstraße, dass es nicht mehr Vorschrift ist, wenn man baut, auch Garagenplätze, in diesem Fall: Tiefgaragen bereitzustellen. Hier hat klar das egoistische Profitinteresse gewonnen. Das bekommt dann ein soziales Mäntelchen, indem behauptet wird, damit wolle man die Wohnungsnot beseitigen - durch Erleichterung des Bauens.

Ähnlich blödsinnig sind andere Vorschläge zur Förderung des Bauens, wie Abschaffung von Fahrstühlen für höhere Stockwerke, Verminderung der Qualität der Wohnungen, Erhöhung der Geschosszahl entlang der Hauptstraßen etc. Man hört und liest unglaublich viel Unsinn gegenwärtig. Es sind „Schnapsideen“, wie meine weiland Mutter immer sagte.

Aber zurück zum Neubau in der Höxterstraße: Auch wenn er von der Straße aus nicht so unpassend wirkt wie andere Großbauten in der Straße - von der Seite aus gesehen, also etwa von meinem Garten aus, erkennt man schon, wie tief dieser Neubau nach hinten reicht. Natürlich nimmt er einen großen Teil des ehemaligen Hintergartens weg. Dies ist der Trick möchte man sagen: Man bemüht sich z.T. um eine halbwegs ansprechende Fassade, aber nach hinten wird kräftig ausgebaut. Das bedeutet, dass eben wirklich ein großer Teil des Grüns in Lokstedt verschwindet, des Grüns, das wir Menschen brauchen, um zu überleben, um menschlich - und natürlich - zu leben und zu atmen!

Und es ist eben auch wichtig, dass vorher ein viel kleineres, hübsches, Einfamilienhaus dort stand, das erst in den 60er Jahren gebaut worden war.
Es tut mir immer weh, wenn altes, und wie in diesem Fall sogar Neues, gut Erhaltenes um des Profits willen abgerissen wird. Es ist eine ungeheure Energie- und Ressourcenverschwendung, typisch für die Wegwerfgesellschaft, die uns noch einmal teuer zu stehen kommen wird.

Aber in meiner Kindheit - ja, auch das ist wichtig - gab es gar kein Haus dort und ich blickte, wenn ich auf dieses Nachbargrundstück schaute, nur auf Beete einer Gärtnerei. Die Gärtnerin und ihr Sohn kamen oft, und lobten mich, wenn ich als Kind in unserem Garten mit dem Säen und Pflanzen von Blumen einen hübschen Erfolg hatte. Aber wir erfreuten uns nicht nur an den Blumen, sondern pflanzten auch Kartoffeln in unserem Garten, und Tabak, in der Nachkriegszeit, und ernteten natürlich Äpfel, Birnen, Kirschen, Pflaumen, Stachel- und Johannisbeeren.

Das Land können wir heute nach Lokstedt, in die ehemalige „Vorstadt“ (wie mein Großvater es immer nannte) nicht mehr zurückholen, aber ein weiteres Zubauen müssen wir verhindern!

Nicht nur etwas besser als erwartet, sondern wirklich erfreulich ist das, was wir am anderen Ende der Höxterstraße sehen können: An der Ecke zur Wieben-Peter-Straße steht eine große schöne Villa, nicht protzig-prächtig, sondern mit Fachwerk. Sie wurde schon Ende des 19. Jahrhunderts gebaut, in einem Stil, der mit dem Fachwerk damals um die Jahrhundertwende ländliche Elemente bewahren wollte. Zwei weitere schöne Häuser mit Fachwerk und hölzernen Terrassen stehen ebenfalls noch in der Höxterstraße. Die Eckvilla wurde offenbar von einem Liebhaber gekauft. Er bezahlte den hohen Preis nicht, um abzureißen und profiträchtig groß neu zu bauen, sondern um zu erhalten. Jetzt wird das alte Haus grundlegend saniert, natürlich eine kostspielige Sache. Bleibt abzuwarten, ob die Villa dann nicht etwas zu „clean and cool“ aussieht. Aber, auf jeden Fall, es ist schön, wenn Geld nicht nur eingesetzt wird, um es unbedingt zu vermehren. Wie ich hörte, möchte der neue Besitzer mit seiner Familie zu Weihnachten dort einziehen.

Letztlich kann uns für die Erhaltung unserer Lebensqualität kein Geld zu schade sein. Und vor allem: Es ist ein Denken an die Zukunft! An das Leben unserer Kinder und Kindeskinder.

Serie zum Thema

Teil 1: „Nach-Verdichtung" - und eine menschliche Stadt
Teil 2: Verdichtung = Vernichtung
Teil 3: Siemersplatz-Inferno ist überall
Teil 4: Bauboom, Preisexplosion und Autowahnsinn
Teil 5: Ein neuer Krieg
Teil 6: Umdenken in der gesamten Stadtpolitik
Teil 7: Beispiel Höxterstraße

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© Lokstedt-online 17.07.2018, Autor: Manfred Bonson