Wachsende Stadt

Opfer mächtiger Interessen

Was in Lokstedt geschieht, geschieht überall in Hamburg, überall auf der Welt. „Hamburg reißt ab“ titelte die Junge Welt am 12.03.2018, um den politischen Beschluss bekanntzugeben, dass die City-Hochhäuser gegen allen Protest kaltschnäuzig plattgemacht werden. Teil 8 einer Serie von Manfred Bonson

Die Bombe kommt nicht aus der Luft, sondern hängt an einem großen Kran. Die Hamburger Abrisspolitik ist zu Recht mit dem alliierten Bombenkrieg verglichen worden - nur dass sie allmählich, Stück für Stück exekutiert wird, aus Gewinnsucht.

Dem Menschen, dem noch Werte bewusst sind, (die berühmten abendländischen Werte von denen die allerchristlichste Fraktion allerdings nur schwafelt), ihm tut es im Innersten weh, wenn er sieht, dass solide Hochhäuser, Häuser überhaupt, niedergerissen werden. Es ist der tägliche Zerstörungsvorgang, Teil dieses Zerstörungsprozesses, dem der ganze Globus unterworfen wird - das spürt man. Es ist symbolisch für den Krieg gegen nicht nur die Natur, sondern gegen die Humanität, den wir sehenden Auges erleben. Abriss, wie wir ihn auch in Lokstedt erlebten und erleben, ist ökologisch sinnwidrig: Unnötiger Resourcenverbrauch, Energieverschwendung. Aber es geht, entgegen allen Behauptungen der regierenden Politik, nicht um die Umwelt oder das Klima, sondern ausschließlich um den Profit: Gibt es ein lukrativeres Gelände als das, auf dem die City-Hochhäuser (noch) stehen?

Ich komme mir etwas albern vor, wenn ich so häufig dieses böse Wort verwende: Profit - es scheint ein Tabuwort zu sein. Gern wird dem, der es zu benutzen wagt, Schwarz-Weiß-Malerei unterstellt. Aber es ist schlicht die Wahrheit - die natürlich verhüllt werden soll.

City-nahes Lokstedt

Und so leiden wir auch in Lokstedt darunter, dass wir immer mehr in die City-Nähe geraten - und unser Terrain immer profitabler wird!

Gerne bemäntelt die Politik (wieder so ein Un-Wort) ihr Vernichtungs- Pardon: Verdichtungsstreben mit dem ach so sozialen Motiv der Wohnraumbeschaffung. Nun, wir wissen, dass diese Urbanisierung gerade viele Menschen vertreibt, in die Außenbezirke - was man ja angeblich vermeiden will durch city-nahes Bebauen. Aber gerade Familien möchten mit ihren Kindern nicht in einer Großstadthölle aufwachsen. Und sie könnten eine teure Wohnung oder gar ein Haus in Hamburg schlicht nicht bezahlen.

Pendelverkehr wächst: Beispiel falsche Landwirtschaftspolitik

„Die Arbeitswege werden immer länger“ meldet das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, IAB (dpa 17.4.2018). Nichts Neues - und durch Nachverdichtung kann der Trend zum Pendeln über immer weitere Entfernungen wie gesagt nicht gestoppt werden. Ich kann weder in Hamburg noch im Bund irgendeinen Plan erkennen, der an die Ursachen rühren würde - im Gegenteil.

Nur ein Beispiel von vielen: Wenn man systematisch eine Politik der Konzentration in der Landwirtschaft verfolgt, vernichtet man natürlich jede Menge Arbeitsplätze auf dem Lande, bäuerliche Existenzen - aus Profitgründen (wieder das böse Wort) - und nur deshalb! Wenige Bauern, nein Agroindustriebetriebe, bleiben übrig. Und wo sollen die freigesetzten (ein echtes Unwort) Menschen dann arbeiten, wenn nicht in der Großstadt?

Die Milch, Butter, der Joghurt in den Supermärkten kommt jetzt oft aus Bayern und Baden-Württemberg (Alpenmilch lautet das verlogene Etikett) - und nicht aus Schleswig-Holstein, wo vor unserer Haustür genug saftige grüne Weiden sind - oder waren.

Dort, wo uns jetzt MacDonald’s Drive-in beglückt, standen in meiner Kindheit noch glückliche Kühe auf der Wiese (wie die Schafe damals an der Osterfeldstraße). Der andere Teil des ehemaligen Wiesengeländes an der Kollaustraße dient jetzt diversen Autoverkaufshallen als Terrain. In ihnen kann und soll man sein Geld lassen - das man in Hamburg verdient, um im Holsteinischen zu wohnen...

Merkwürdige Perversionen: Ich brauche also ein Auto, um mir die Natur zurückzuholen, die das Auto zerstört. Und das Auto finanziere ich, indem … Ein Teufelskreis!

Beispiel: Verlagerung des Güterverkehrs auf die Straße

Nun wälzen sich die Autokolonnen dort entlang über die Kollaustraße. Kurz vorher am Siemersplatz sind schon viele LKWs in die Vogt-Wells-Straße Richtung Autobahn abgebogen. Kein Gedanke der Politiker, statt Autobahnen Schienenstrecken für den Güterverkehr auszubauen...

Beides, Landwirtschafts- wie Verkehrspolitik sind im Bund übrigens fest in bayerischer CSU-Hand, das heißt unter Konzernkontrolle.

Nicht das allergeringste Interesse der Politik, an dem stetig wachsenden Autoverkehr auch nur das Allergeringste zu ändern. Kein Konzept, kein Plan, kein Interesse - außer: Konzernförderung.

Desinteresse der Politiker

Derjenige, der in Hamburg etliche Jahre diese Politik leitete und zusah bei dem, was sie anrichtete, ist nun in Berlin zum Finanzdirigenten aufgestiegen. Er hat sich zweifellos für höhere Weihen qualifiziert - nach den Maßstäben, die in diesem Bereich offensichtlich gelten.

Meine Maßstäbe sind andere - und ich sehe keine Partei, die ich danach wählen könnte. Oder haben Sie schon mal ein vernünftiges Wort selbst von einer Partei wie Die Linke über Nachverdichtung oder Verkehrspolitik oder Klimawandel oder Umweltverschmutzung gehört? So etwas regelt sich mit der Abschaffung des Kapitalismus leider nicht von allein...

Autoverkehr wächst weiter

Auch die neuen Zahlen zeigen einen weiteren stetigen Zuwachs der Autolawine. „Mehr Autos, mehr Unfälle“ titelte die Frankfurter Rundschau am 21./22. 04.2018. Diskutiert wird - zur Ablenkung vom eigentlichen Problem - über Elektroautos und automatische Autos. Als ob sie das Problem in Zukunft lösen würden.

Baurecht schlägt Baumrecht

Am 13.04.2018 fasste die FR einen Bericht über den Verlust an Bäumen durch die intensive Bautätigkeit kurz zusammen in der Überschrift „Baurecht schlägt Baumrecht“. Das ist in Hamburg nicht anders. Als die CDU hier an der Regierung war, nutzte sie die Gelegenheit, das Baumreferat weiter zu entmachten. Dass die SPD nicht besser ist, bewies sie, indem sie nach ihrem erneuten Machtantritt diesen Akt nicht rückgängig machte. Auch unter dem SPD/Grünen-Senat hat sich der Bestand an Bäumen in Hamburg dramatisch verringert. Statt Baumschutz Schutz der Bauherren.

Auch wenn der NABU jetzt eine Initiative gegen das Bäumefällen in Hamburg startete - so viele Bürgerinitiativen und Volksbegehren kann es gar nicht geben wie es an täglichen Schandtaten der Politik gibt.

Pseudo-Maßnahmen: Baukindergeld

Zum Schluss dieses kurzen Durchgangs durch die jüngsten Pressemeldungen, die alle mit meinem Ausgangspunkt Nachverdichtung mittel- oder unmittelbar zu tun haben, noch eine weitere Schlagzeile der Medien in diesen Tagen: „Baugeld hilft nur wenigen“.

Wie gering das Interesse der Regierenden an wirklichen Problemlösungen ist, zeigt sich am Baukindergeld: Ein Gesetz, das angeblich den Erwerb erschwinglicher Wohnungen und Häuser fördern soll, tatsächlich aber in erster Linie nur denen hilft, die es sich ohnehin leisten können, und das außerdem zu einem weiteren Anstieg der Preise auf dem Baumarkt führt.

Kann es sein, so fragt man sich immer wieder, dass die verantwortlichen Politiker so wenig nachdenken, wenn sie soviel Steuergeld in die Hand nehmen? Nein, es ist einfach so, dass es sie nicht interessiert. Wichtig ist den Regierungsdarstellern nur, so zu tun als täten sie etwas...

Dasselbe gilt bekanntlich für die Mietpreisbremse. Der Boom auf dem Wohnungsmarkt wird weitergehen, eine wahre Goldgrube für viele, das Baukindergeld wird eingepreist und den Bau, den Kauf und die Mieten weiter verteuern. Aber das einzig Vernünftige: wieder mehr sozialer Wohnungsbau, das wird natürlich nicht gemacht. Man weiß schon, warum …

In den Medien werden wir, veranlasst durch die Polit-Propaganda, mit Schein-Themen wie „Gehört der Islam zu Deutschland“, mit Trumpschen Eskapaden oder mit deutschen Personaldebatten, Machtkämpfen und Profilierungsversuchen abgelenkt. Das, was uns auf den Nägeln brennt, wird geflissentlich und wohlweislich übergangen. Dann müsste man ja tatsächlich Politik machen, Politik für uns - und mächtige Interessen verletzen!

Das alles war jetzt nicht speziell über Lokstedt, aber wir sind nun mal eingebettet in das Gesamtsystem - und sein Opfer.

Serie zum Thema

Teil 1: „Nach-Verdichtung" - und eine menschliche Stadt
Teil 2: Verdichtung = Vernichtung
Teil 3: Siemersplatz-Inferno ist überall
Teil 4: Bauboom, Preisexplosion und Autowahnsinn
Teil 5: Ein neuer Krieg
Teil 6: Umdenken in der gesamten Stadtpolitik
Teil 7: Beispiel Höxterstraße
Teil 8: Opfer mächtiger Interessen
Teil 9: Verdichtung und Wachstum - ohne Ende
Teil 10: Bedrohte Idylle
Teil 11: Preisexplosion und Kapitalvermehrung

Schreiben Sie zu diesem Thema einen Leserbrief!

© Lokstedt-online 26.09.2018, Autor: Manfred Bonson