Wachsende Stadt

Verdichtung und Wachstum - ohne Ende

Natürlich hat die Politik der sogenannten Nachverdichtung bisher weder zu einer Abschwächung des Bevölkerungsdrucks auf die Städte, noch zu einer Verringerung des Preisanstiegs auf dem Bau-, Wohnungs- und Mietsektor geführt. Wir müssen vielmehr bei dieser Förderungspolitik von einer Sogwirkung, einer Verstärkungsfunktion sprechen. Teil 9 einer Serie von Manfred Bonson

Der Baumarkt boomt, alles wird teurer - und dichter, auch der Verkehr. Und viel Grün verschwindet. Auch in Lokstedt ist der Druck weiter spürbar, sichtbar: Häuser werden abgerissen, Brachgrundstücke zugebaut. Aber jetzt ist mir aufgefallen, dass einige Villen immerhin saniert und erhalten werden: Eine teure Investition, es ist schön, dass sich noch Liebhaber finden, die das Geld haben oder lockermachen können.

Generell gilt aber, dass viele soziale und ökologische Fortschritte still und heimlich rückgängig gemacht werden, um den Bauboom zu fördern - in Hamburg wie auch in anderen Städten Deutschlands. Hamburg hat die sehr sinnvolle Stellplatzpflicht für Autos abgeschafft, die Fahrstuhlregel für größere Wohngebäude wird in Frage gestellt. In Stuttgart wurde der Grundsatz „Erhalt vor Abriß“ unter einem grünen Bürgermeister still und heimlich kassiert, in Hamburg gab es ihn offenbar gar nimmer. Und es wird gefragt: Warum noch Stellplätze für Fahrräder? Und warum zwei Toiletten in einer Wohnung, senken wir den Standard, es geht doch kleiner und billiger. Es gibt viele aberwitzige Vorschläge wie etwa die Gebäude entlang der Hauptstraßen aufzustocken. Vielen Dank, ich möchte dort nicht wohnen!

Man will billiger bauen, um mehr bauen zu können - aber die Kostenersparnis wird natürlich eingepreist werden bei denen, die daran verdienen. Und die Senkung der Wohn- und Lebensqualität bezahlt niemand - außer den Einwohnern. Der einzig sinnvolle Weg - wieder mehr sozialer Wohnungsbau - wird bewusst nicht gegangen, denn daran verdient niemand.

Förderung von zerstörerischen Großprojekten

Für kostspielige Großprojekte aber ist immer Geld da.... Die City Hochhäuser werden abgerissen, das historische Gänsemarktensemble wird zerstört, am Hafen entsteht eine seelenlose Trabantenstadt, in die Elbe wird ein Milliardenmonument Hamburgischen Größenwahns gesenkt, der Altonaer Bahnhof wird mal eben an den Diebsteich verlegt - die größte Geldverschwendung seit Stuttgart 21...

Ich bin früher öfter aus dem Hamburger Rummel geflüchtet - nach Altona, das - fast wie eine Kleinstadt - noch ein menschliches Maß hatte: Hier war alles kleinformatig, ruhig, bescheiden und normal - im Vergleich zu dem Hamburg, unter dem ich litt: Dem Hamburg, das ich als großspurig, ja großkotzig, empfand, „überkandidelt“, wie meine Mutter auf hamburgisch immer sagte.

Aber seit Jahrzehnten, seit dem Abriss des schönen und zentral gelegenen Hallenbads, wird Altona konsequent zu einer zweiten City ausgebaut - da stört ein Bahnhof nur die Investoren: Er bringt ja kein Geld!

Aktive Förderung des Klimawandels

Es ist als ob soziale und ökologische Erfordernisse nicht mehr existierten, als ob Menschlichkeit und Natur unwichtig geworden seien. Natürlich behindert eine dichtere und höhere Bebauung den Luftaustausch in den Großstädten noch mehr, natürlich macht eine Verringerung des Grüns die Stadtluft noch schlechter - und fördert den Klimawandel: „Wir tun unser Bestes, die Erde aufzuheizen“ könnte man das Motto der - nicht nur Hamburger - Politik beschreiben.

Es ist schon erstaunlich, dass behauptet wird, man müsse den Klimawandel bekämpfen - und gleichzeitig so etwas wie Nachverdichtung propagiert wird.

Und es ist ebenso erstaunlich, dass das die Abgasbelastung der Stadtluft jetzt - jetzt endlich - zum Thema wird - aber geflissentlich verschwiegen wird, dass die sogenannte Nachverdichtung wiederum ebenfalls zu einer höheren Belastung führt, d.h.: Das, was man auf der einen Seite erreichen könnte, (wenn man denn wollte!) wird auf der anderen Seite wieder zunichte gemacht. Allein dieses Beispiel zeigt den bloßen Symbol- und Propagandacharakter unserer Politik: Viel heiße Luft und nichts dahinter!

Wir hatten auch in Hamburg den wärmsten Sommer seit Menschengedenken. Hat man es nun endlich begriffen? Nein! - Wir haben diesen langen, schönen Sommer alle genossen. Wir nehmen die Erntekatastrophe vieler Bauern nur am Rande zur Kenntnis. Aber wir wissen alle, dass dieser Rekordsommer der letzte Beweis für den scheinbar unaufhaltsamen menschengemachten Klimawandel ist.
Die Politik fördert den Klimawandel, der in Wahrheit eine Klimakatastrophe ist, weiterhin praktisch auf allen Gebieten - auch wenn sie dies natürlich nicht sagt.

Deutschland - und auch Hamburg - haben das vertraglich international vereinbarte Klimaziel bisher weit verfehlt. Und wenn die Politik nicht grundlegend geändert wird, wird es unsere Politik auch in Zukunft - krachend - verfehlen. Auf eine Änderung deutet aber nichts hin - und damit ist auch die Katastrophe nicht mehr aufzuhalten. Wie können (die) Menschen so blind sein?

Eine rhetorische Frage vielleicht.

Ein Beispiel dieser Dummheit, Taubheit und Verblendung ist die Verkehrspolitik.

Überall in Lokstedt sah ich vor einigen Tagen die großen Plakate „Climate Smart City – Klimafreundliche Mobilität“ mit denen für eine Veranstaltung in der Schule Corveystraße geworben wurde. Was davon zu halten ist, werde ich im nächsten Artikel erläutern.

Serie zum Thema

Teil 1: „Nach-Verdichtung" - und eine menschliche Stadt
Teil 2: Verdichtung = Vernichtung
Teil 3: Siemersplatz-Inferno ist überall
Teil 4: Bauboom, Preisexplosion und Autowahnsinn
Teil 5: Ein neuer Krieg
Teil 6: Umdenken in der gesamten Stadtpolitik
Teil 7: Beispiel Höxterstraße
Teil 8: Opfer mächtiger Interessen
Teil 9: Verdichtung und Wachstum - ohne Ende

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© Lokstedt-online 26.09.2018, Autor: Manfred Bonson