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Wachsende Stadt

Bedrohte Idylle

Hier sitze ich in meinem friedlichen Haus in der Höxterstraße und versuche zu schreiben. Direkt nebenan auf dem Nachbargrundstück lärmt der Bagger. Das stattliche Gebäude mit 10 Wohnungen, das an der Stelle eines Eigenheims errichtet wurde, ist nach einem Jahr fast fertig. Teil 10 einer Serie von Manfred Bonson

Große Erdmassen, durch den tiefen Kelleraushub entstanden, müssen noch bewegt und irgendwie entfernt werden. Die Deutsche Umwelthilfe hat einmal berechnet, wie viele Abgase durch den - sinnlosen - Bau von Stuttgart 21 die ohnehin schon verpestete Luft der Großstadt anreichern - die Größenordnung war gewaltig.

Weil ich mich jetzt sowieso nicht konzentrieren kann, beschließe ich, nach draußen in den Garten zu gehen und den Bäumen, die durch die lange Trockenheit am Sterben sind, Wasser zu geben. Während ich den Schlauch verlege, rieche ich die Abgase. Kommen sie vom nachbarlichen Bauplatz oder von der Osterfeldstraße, deren Verkehrslärm nicht zu überhören ist? Ich gehe schnell wieder in die Wohnung und verschließe die Tür sorgfältig.

My home is my castle - ich setze mich ins Wohnzimmer und schaue in den Garten. Ich genieße den Anblick: Es ist wunderschön, zu jeder Jahreszeit. Das üppige Grün der Bäume und Büsche wird jetzt mehr und mehr bunt gesprenkelt: Immer mehr Blätter verfärben sich - gelb, orange, golden und rot. Viele Blätter sind schon abgefallen und bedecken den Rasen - wie eine herbstliche Waldlichtung sieht es aus. Wir hatten den herrlichsten Sommer meines Leben - aber, wegen des Klimawandels, wegen der Abgase: Himmel und Hölle. Nicht selten denke ich zwischendurch an diese wahre Ursache unseres Glücks.

Und ich sehe, dass der Baum stirbt, über die Hälfte seiner Nadeln sind schon braun geworden. Er steht am Nachbargrundstück, das zum Bauplatz geworden ist. Dort ist längst fast alles Grün beseitigt worden. Dieser mein Baum war der letzte grüne Sichtschutz, auch im Winter…

Naturparadies und Verkehrshölle

Trotzdem ist mein Garten noch schön. Hamburg ist schön, immer noch, die Natur ist schön - eigentlich. Denn leider kann ich in meiner Idylle nicht ewig bleiben. Ich muss auch mal einkaufen. Früher war der Siemersplatz unser Einkaufszentrum, aber das ist beinahe ein Lebensalter her. Heute meide ich den Siemersplatz. Der letzte Lebensmittelladen ist verschwunden. Die sinnlose Busbeschleunigung gab dem traditionsreichen Feinkostgeschäft Behrmann Nachf., den Todesstoß und nahm ihm, im Zuge des Straßenumbaus, die letzten Kunden. Stattdessen haben wir jetzt ein Kamingeschäft dort. Nun brauche ich nicht jeden Tag einen Kamin, ebenso wenig wie Brasilianische Haarentfernung und den Immobilienmakler (obwohl er liebend gern mein Haus verkaufen würde, damit es auch plattgemacht wird).

Wir erleben einen Prozess, der schon vor mehr als 50 Jahren begann: Immer mehr kleine Läden des täglichen notwendigen Bedarfs verschwinden, werden erdrückt. Sie verschwinden aus der Nähe. Und man muss weite Strecken zurücklegen, um die Dinge, die man braucht, zu besorgen. Immer mehr Menschen fahren deshalb mit dem Auto. Ein Prozess, der - natürlich - gewollt ist und bewusst gesteuert wird. Den vorläufigen Höhepunkt dieser Entwicklung erfuhren wir vor kurzem mit der Schließung der Post am Siemersplatz. Wäre die Post nicht privatisiert worden, wäre es leichter, so etwas zu verhindern.

Damit entfällt für mich auch der letzte Grund, mich dem Autobahnkreuz Siemersplatz auszusetzen. Der Siemersplatz ist eine solche Verkehrshölle geworden, dass ein ruhiges Einkaufen nicht möglich ist.

Der schwierige Weg zur Natur

Also fahre ich nach Niendorf, zum Niendorfer Markt - oh nein, sorry, den gibt es ja nun auch nicht mehr, auch das ist eine ordinäre, unwirtliche Hauptstraßenkreuzung geworden - mit derselben vielspurigen Verkehrsachse, die den Siemers“platz“ schon kaputt gemacht hat. Aber es gibt den Tibarg.

Ich nehme das Fahrrad. Natürlich will ich nicht die Verkehrsachse Kollaustraße entlangfahren, wie sich unsere Stadtpolitiker das anscheinend vorstellen mit ihrem irren Fahrradwegausbau - sondern ich steuere den Tarpenbekwanderweg an. Auch hierbei kann ich dem Autowahnsinn allerdings nicht ganz ausweichen, so einfach macht mir das Hamburg denn doch nicht: Von der Höxterstraße aus muss ich zwei grässliche Verkehrsströme überqueren - Osterfeldstraße und Nedderfeld. An der Osterfeldstraße warte ich, wie immer, ewig. Die konsequente Autostadt Hamburg hat die Ampeln an den Hauptverkehrsstraßen (und alle drei Minuten kommt eine Hauptverkehrsstraße in Hamburg) so geschaltet, dass der Fußgänger (und Radfahrer) unendlich lange warten muss bis für ihn Grün kommt. Der Autoverkehr hat absoluten Vorrang und davon muss erstmal so viel wie möglich durch, durchrasen. Sonst könnte Hamburg diese kompromisslose Autopolitik auch gar nicht durchhalten und die Automassen bewegen, bewältigen.

Ich kenne keine Stadt, in der die Grünphase für die Fußgänger und Radfahrer an vielen Stellen so selten und so kurz sind wie in Hamburg. In Stockholm kommt das Grün sogar sofort - wie ich vor kurzem feststellen konnte.

Das Warten und der ständige Lärm schaden den Nerven, die Abgase der Gesundheit. Wenn ich mich dann endlich auf das andere Ufer des „reißenden Stromes“ gerettet habe, kann ich aber durch den ruhigen und schönen Jägerlauf fahren, um die Nerven wieder zu beruhigen. Warum eigentlich Jägerlauf? Früher hieß die Straße viel treffender Kastanienallee. Vermutlich liefen in historischer Zeit die Jäger hier vom Oster- zum Nedderfeld durch, um unseren Vorfahren im waldreichen Holstein (Holt-sten), im Niendorfer Gehölz, einen schmackhaften Braten zu schießen, der damals ja noch nicht aus der Fabrik kam und eine besondere Ausnahme im drögen Einerlei der Feldfrüchte darstellte.

Nun hat umgekehrt das gejagte Wild von heute, die Spezies „Fußgänger und Radfahrer“ (auf der roten Liste inzwischen), im Jägerlauf einen einigermaßen sicheren Durchschlupf.

Am Nedderfeld geht das Theater allerdings wieder los. Die Überquerung an der Ampel am Bauhaus geht schneller, aber nicht etwa aus Menschenfreundlichkeit der Stadt Hamburg, sondern weil es sich um eine Kreuzung handelt - und die Autos aus der Kellerbleek (von Groß Borstel) ja auch weiterfahren wollen. Allerdings, wenn sie dann ins Nedderfeld einbiegen, sind die Fußgänger und Radfahrer wieder Objekte eines aggressiven Jagdfiebers.

Aber ich bin in Hamburg mit dem Gefühl ständigen Bedrohtseins quasi sozialisiert und so erwischen sie mich so leicht nicht. Ich biege also in die recht kleine Kellerbleek, wo sich allerdings das zukünftige Unheil des Mega-Luxusbauprojekts Tarpenbek Greens“ (welch ein heuchlerischer Name) schon ankündigt. Hier quert der Tarpenbek-Wanderweg die Kellerbleek. Deshalb ist die Fahrbahn an dieser Stelle verengt. Von der anderen Seite kommt eine Familie mit Kindern und möchte ebenfalls hinüber. Und wieder - typisch für Hamburg - ein egoistischer Autofahrer sucht sich aggressiv-rechthaberisch die Vorfahrt zu erzwingen. „Dies ist kein Fußgängerüberweg“ wiederholt er immer wieder. Soviel dummen Starrsinn gibt es, wie gesagt, nur in Hamburg. Das Klima ist aggressiv, der mörderische Verkehr macht aggressiv. Aber davon ist Gott sei Dank in der Idylle, in die ich dann hineinfahre, nichts mehr zu spüren.

Eine alternative Route

Der Tarpenbek-Wanderweg: Es ist eine wirklich schöne Strecke! Hinter der Eisenbahnbrücke, an der Grenze nach Groß Borstel, fahre ich die Tarpenbek entlang bis zum Flughafengelände. Es ist ein Traum! Ein wirkliches Paradies, ein Stück Natur mitten in Hamburg wie man es nicht erwarten würde. Zwischen Flugfeld rechts und Kleingärten links geht es dann weiter den Tibarg hinauf: Man merkt die Steigung des Hügels, der eine alte Thingstätte war.

Naturidylle und Kleingärten zur Linken - Sie sind einfach deshalb einmal ausnahmsweise nicht bedroht, weil neben dem Flughafen niemand wohnen will. Hoffe ich mal. Aber eine Straße könnte man doch anlegen, nicht wahr, mitten hindurch - etwa für einen erweiterten Flughafen? Vielleicht liegen die Pläne schon in irgendeiner Schublade...

Der Friedhof auf der anderen Seite ist jedenfalls tabu und meine Mutter kann dort weiter ungestört ruhen.

Ich genieße diese Strecke - ebenso wie danach den heutigen Tibarg. Er ist im hektischen Hamburg eine musterhafte Oase der Ruhe und der Begegnung, dem Sinn der früheren Thingstätte nicht unähnlich. So wie es sein muss, müsste. So, wie wir es auch in Lokstedt haben müssten.

Später lese ich im Abendblatt, dass die Luft ausgerechnet an meinem Wandertag wieder besonders schlecht war. Die Ursache nennen sie nicht ausdrücklich, das böse Wort „abgasverseucht“ nehmen sie nicht in den Mund. Ich brauchte dazu keine Zeitung zu lesen, um das an dem Tag auch festzustellen: Meine Nase reichte. Schuld hat natürlich das Wetter, die „austauscharme Wetterlage“ ohne Wind. Aber, als ich am Tarpenbekufer entlangfuhr, bemerkte ich den Unterschied: Hier war die Luft rein und klar, es roch nur noch wunderbar nach Natur - wie es sein sollte. Ein Beweis mehr, dass wir diese grünen Oasen in Hamburg brauchen. Oasen, wo wir Frischluft tanken, wo wir uns vom Stress der Großstadt erholen können, wo unsere Lunge wieder durchatmen kann. Jeder Meter Grün weniger ist ein Frevel, ein Anschlag auf unsere Gesundheit!

Die Lüge von der Fahrradstadt

Im nächsten Artikel möchte ich ausführlicher und analytisch-politisch auf die Luftbelastung durch den Autoverkehr eingehen - so wie wir das Problem in Lokstedt und nicht nur hier erfahren - und dies gegenwärtig aktuelle, viel diskutierte Thema in einen größeren Zusammenhang stellen.

Serie zum Thema

Teil 1: „Nach-Verdichtung" - und eine menschliche Stadt
Teil 2: Verdichtung = Vernichtung
Teil 3: Siemersplatz-Inferno ist überall
Teil 4: Bauboom, Preisexplosion und Autowahnsinn
Teil 5: Ein neuer Krieg
Teil 6: Umdenken in der gesamten Stadtpolitik
Teil 7: Beispiel Höxterstraße
Teil 8: Opfer mächtiger Interessen
Teil 9: Verdichtung und Wachstum - ohne Ende
Teil 10: Bedrohte Idylle
Teil 11: Preisexplosion und Kapitalvermehrung

Schreiben Sie zu diesem Thema einen Leserbrief!

© Lokstedt-online 17.11.2018, Autor: Manfred Bonson