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Autostadt Hamburg

Verfolgt: Der Fußgänger

Wer als Fußgänger oder Radfahrer sich durch Lokstedt bewegt macht immer wieder dieselben Erfahrungen: Es ist nicht auszuhalten! Vor wenige Tagen wollte ich mit dem Bus Richtung Innenstadt fahren und ging zur Haltestelle Brunsberg - ein Stück den Lokstedter Steindamm entlang. Teil 12 einer Serie von Manfred Bonson

Näher wäre die Haltestelle Siemersplatz. Aber es ist mir ein Graus, die laute hektische Osterfeldstraße entlang zu gehen und dort, wie auch auf der Verkehrsinsel am Siemersplatz, die Abgase einzuatmen. Der Lokstedter Steindamm wird zwar nicht weniger befahren, aber er ist aufgrund seiner Breite nach meinem Gefühl immer noch besser zu ertragen. Also will ich den Lokstedter Steindamm vor dem Brunsberg überqueren, eine der wenigen Stellen, an denen das überhaupt möglich ist. Ich warte natürlich endlos bis das Grün kommt. Und plötzlich, als es grün wird und ich den ersten Schritt auf die Straße setzen will, saust ein Radfahrer rechts an mir ganz knapp vorbei, um ebenfalls über die Straße zu kommen. Es war ein noch sehr junger Schüler offensichtlich des Corvey-Gymnasiums. Aber das spielt keine Rolle, es ist absolut typisch: Die Hektik, die Gefährdung, die Enge, die Rücksichtslosigkeit, das „Fahren auf Risiko“.

Es sind die Verhältnisse, die Verkehrsverhältnisse, die zu diesem Verhalten führen: Jeder ist sich selbst der nächste, er muss irgendwie rüberkommen, durchkommen, koste es, was es wolle.

Die Ampelphasen z.B. sind so selten und so kurz, für Fußgänger und Radfahrer, dass man nur noch einen Gedanken hat: schnell rüber! So ist Hamburg, wie ich es erlebe: ständiger Stress, ständige Gefahr. Für den Autofahrer ist es sicherlich auch kein Vergnügen. Ich konnte diesen Radfahrer vorher nicht sehen, weil die Sicht durch viele Autos, die am Straßenrand parkten, versperrt war. Und deshalb konnte er mich auch nicht sehen. -

Am nächsten Tag fuhr ich mit dem Bus vom Niendorfer Markt zum Nedderfeld. Ich wollte etwas im Bauhaus kaufen. Dazu musste ich die Kollaustraße überqueren, etwa drei Minuten von der Haltestelle zurück zur Ampel. Machen Sie das mal, liebe Leser, erleben Sie das mal! Zunächst einmal gehen Sie an einer wahren Autobahn entlang, ein tosendes, tobendes Heer von Autos, ein wahres Inferno. Aber gucken Sie bitte nicht dorthin, sondern wenden Sie Ihren Blick nur nach vorne: Ein Auto nach dem anderen überquert ihren Fußweg an einer Stelle nach der anderen: Es wimmelt von Ein- und Ausfahrten - der Autohäuser, die sich auch hier aneinanderreihen. Sicher und ruhig zu Fuß sein Ziel ansteuern - das geht nicht, es ist Dauerstress, Dauerlärm, Dauergefahr. Und nicht zuletzt: Dauer-Vergasung...

Begasung

Könnte man es nicht so nennen? Der Abgasskandal hat das Thema jetzt in den Vordergrund gerückt. Vorher hatte ich den Eindruck: Es gibt in Hamburg keine Abgase - für die Politik, für die öffentliche Meinung (oder die veröffentlichte Meinung). Und ich wäre der einzige, der sich darüber Sorgen macht. Und so fühlte ich mich als Außenseiter, wenn ich mich so sehr an dem überbordenden Autoverkehr störte - seit über 50 Jahren! Zumal die vielen Autos ja auch von Menschen gesteuert werden, anderen Menschen, die das offenbar nicht stört.

Es ist nicht schwer, in Lokstedt die am meisten Abgas- und Autoverkehrs-belasteten Straßen auszumachen. Vor allem sind es die Achsen: Julius-Vosseler-Straße - Vogt-Wells-Straße - Osterfeldstraße und Lokstedter Steindamm - Kollaustraße: Hauptverkehrsstraßen, die sich am Siemersplatz kreuzen. Diese Achsen finden ihre Fortsetzungen in den benachbarten Stadtteilen und in weiteren Stadtteilen. Sie durchziehen letztlich ganz Hamburg mit einem gewaltigen Autoverkehr, der ganz Hamburg mit einem Abgas- und Lärmteppich bedeckt - auch wenn die Spitzenwerte natürlich direkt an den Hauptstraßen erzielt werden.

Hamburg ist immer - effektiv nach dem 2. Weltkrieg - als Autostadt, als autogerechte Stadt, geplant und ausgebaut worden. Die Verantwortlichen hatten nicht das geringste Gespür für die Schädlichkeit ihrer Stadtplanung. Und daran hat sich bis jetzt absolut nichts geändert! Diese Politik wird auch in der Gegenwart und für die Zukunft konsequent fortgeführt. Ich glaubte meinen Ohren nicht zu trauen, als ich hörte, dass auch die Straße Nedderfeld, schon jetzt schlimm genug, weiter ausgebaut werden soll.

Lokstedt erfreut sich mit dem Nedderfeld ohnehin der besonderen Gunst der Autobranche. Das Nedderfeld ist die Automeile schlechthin, eine Autohalle reiht sich an die andere, es geht teilweise in der Kollaustraße noch weiter (s.o.).

Der Abgasskandal: Kumpanei der Regierenden

Man würde auch heute noch nichts von gesundheitsschädlichen Abgasen hören, wenn die Politik nicht gezwungen worden wäre, ihr Verschweigen zu beenden - gezwungen durch die EU und durch die Gerichte. Und auch jetzt wird vertuscht und getäuscht, was das Zeug hält. Die Politik dient, für jeden sichtbar, ausschließlich den Gewinninteressen der Autoindustrie. Sie wusste vom Betrug seit Anbeginn, und hat ihn erst ermöglicht. Es wurde bewusst nicht kontrolliert. In Bezug auf CO2 hat die deutsche Regierung in Brüssel schärfere Abgasnormen verhindert, verhindert sie auch heute noch. In Bezug auf Feinstaub und Stickstoffdioxyd hat die Bundesregierung die absolut verbindlichen EU-Richtlinien bewusst über ein Jahrzehnt ignoriert, trotz vieler Aufforderungen und Mahnungen aus Brüssel.

Nach dem Motto: Die Vertragsstrafen zahlt ja der Steuerzahler, die Profite der Autoindustrie werden aber nicht geschmälert. Die Gesundheit spielt keine Rolle gegenüber den Gewinnen. Auch jetzt geht es der Regierung offenbar nur um den Kampf gegen Fahrverbote und nicht um die Gesundheit der Bevölkerung.

Es wird von den Politikern, vor allem der CDU/CSU und der FDP, die sich ausschließlich als Interessenvertreter der Autobranche verstehen, wirklich jedes Mittel, jeder Trick angewendet, um das EU-Gesetz, das unserer Gesundheit dient, auszuhebeln. Nachdem die endlose Verzögerungs- und Hinhaltetaktik nun auf Schwierigkeiten gestoßen ist, ändert man flugs ein Gesetz.

Das Bundes-Immissionsschutzgesetz: Nun dürfen's statt 40 mit einmal auch gerne 50 mg sein, die uns zugemutet werden (1). Und könnte man den Klägern, der Umwelthilfe, nicht vielleicht das Klagerecht entziehen, und ihnen auch den Status als gemeinnütziger Verein aberkennen, damit sie durch das Finanzamt abgewürgt werden - und überhaupt, wie finanziert sich der Verein eigentlich? Putin lässt grüßen. Und überhaupt: Die Messstationen sind an den falschen Stellen. Ich wüsste schon, wo die Autolobby sie am liebsten aufstellte! (2).

Ablenkungsmanöver

Zur Beschwichtigung und Verzögerung werden ein paar Maßnahmen beschlossen, wohl wissend, dass sie bei weitem nicht reichen. Hierzu genauere Analysen in den nächsten Artikeln!

Deshalb jetzt nur kurz einige Punkte. Auch jetzt wird mit voller Kraft eine Ablenkungsstrategie gefahren - um ja der Autoindustrie nicht weh zu tun.

Einige Hauptpunkte sind:

  • Die Autoindustrie wird nicht bestraft. Sie wird mit einem Tauschgeschäft belohnt (Abgasprämie). Die notwendige wesentliche Reduzierung der Abgase wird so weit verzögert wie irgend möglich. Letztlich - nach Wahlen - wird der Steuerzahler die Zeche bezahlen!
  • Es wird die Chimäre einer umweltfreundlichen Elektromobilität aufgebaut - irgendwann in ferner Zukunft. Das entlastet. Es wird ständig mit irgendwelchen Jahreszahlen jongliert, wenn es um Abgasreduktionen geht, wie 2030, 2040 usw. - Jahre, die wir bestimmt nicht mehr erleben werden. Zahlen, die völlig fiktiv und reine Propaganda sind, um die Menschen zu vertrösten - auf den St. Nimmerleinstag. Deutschland hat schon heute seine Klimaziele weit verfehlt. Ja, wie auch anders, bei dieser Politik, die nur Konzerninteressen dient.
  • Des weiteren wäre auch noch die Patentlösung „Ausbau des öffentlichen Verkehrs“ zu nennen, die immer aus dem Hut gezaubert wird, wenn's brenzlig wird. Abgesehen davon, dass das schon längst hätte geschehen müssen, wenn es ernst gemeint wäre: Ich glaube nicht, dass allein dadurch eine nennenswerte Wirkung erzielt werden könnte. Hier geht es wieder nur um Millionen-, wenn nicht Milliardendeals, um die Verschwendung von Steuergeldern - wie beim großartigen Hamburger Busbeschleunigungsprogramm.
  • Als letztes Täuschungsmanöver wäre der Ausbau der Radwege zur angeblichen „Fahrradstadt Hamburg“ zu nennen : Ich bin passionierter Radfahrer, muss aber sagen, dass das, was ich bisher gesehen und gehört habe, totaler Schwachsinn ist - in Lokstedt wie auch z.B in den Nachbarstadtteilen Eimsbüttel, Eppendorf und Niendorf. So wurde die Osterstraße und wird jetzt auch die Rothenbaumchaussee mit einem Riesenaufwand umgebaut - nur um ein paar weiße Streifen auf die Fahrbahn zu streichen - auf denen wir Radfahrer uns dann dem Verkehr, dem fließenden und dem aus- und einparkenden, aussetzen sollen? Mir reichen schon die Abgase und der Lärm auf den bestehenden richtigen Radwegen z.B. am Lokstedter Steindamm und an der Osterfeldstraße! Über diese offiziellen Radwege, die vor kurzem auch in Lokstedt neugestaltet wurden, möchte ich kein Wort verlieren. Man sieht sofort, dass sie ohne Sachverstand und ohne Notwendigkeit lieb- und interesselos verändert wurden und eine reine Alibifunktion haben. Der grüne Umweltpolitiker muss natürlich Erfolge vorweisen können, so wie seine großartigen Straßensperrungen für Abgas-intensive Autos…

Eine verantwortungsvolle Verkehrs- und Stadtplanungspolitik, die wirklich den Menschen, der Umwelt und dem Klima dient, sähe ganz anders aus. Eine verantwortungsvolle Politik, die wirklich unserer Gegenwart und unserer Zukunft dient, ist völlig undenkbar ohne eine wirkungsvolle Einschränkung des Autoverkehrs, ohne eine Verkehrsverminderung, ohne eine Verkehrswende. Es ist nicht getan mit ein paar weißen Strichen auf einer Fahrbahn, auf der ansonsten der Autoverkehr braust, mit voller Kraft…

Für eine solche grundsätzliche Umsteuerung unserer Politik - um beispielsweise den Klimawandel zu stoppen - sehe ich nicht die geringste politische Einsicht, nicht den geringsten politischen Willen - jedenfalls nicht in Hamburg, jedenfalls nicht im Bund.

Mehr dazu in den nächsten Artikeln.

Anmerkungen:

1. Es ist ohnehin ein Irrtum, zu glauben, dass man unterhalb der Schwellenwerte nicht gefährdet wäre. Die sogenannten Grenzwerte sind schon Ergebnisse politischer Kompromisse!

2. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein nationales Gesetz, das eigens geschaffen wurde, um ein EU-Gesetz unwirksam zu machen, vor der Rechtsprechung Bestand haben würde. Aber es ist ein ideales Mittel, um die Geschichte weiter durch alle Instanzen zu verzögern: Bis das höchste Gericht, das wäre der Europäische Gerichtshof, das deutsche Gesetz verworfen hat, vergehen wieder Ewigkeiten - und Millionen-, nein, Milliardengewinne sind gesichert. Die Vertragsstrafen würde der Steuerzahler bezahlen (s.o.). Natürlich geht die Welt, sprich: die Wirtschaft, jetzt unter, wenn die EU-Richtlinie umgesetzt wird. Nur, meine Herren, ihr habt über 10 Jahre Zeit gehabt, euch darauf einzustellen und umweltfreundlichere Auto zu produzieren! Vor über 10 Jahren wurde die Richtlinie mit Gesetzeskraft in Brüssel beschlossen! Stattdessen hat man sich bei uns totgestellt und nichts getan, um dem Gesetz zu gehorchen. Der Bürger muss ein Gesetz befolgen, und zwar sofort. Wenn er sich beharrlich weigert, kommt er u.U.ins Gefängnis. Wohin gehören unsere Politiker, die sich einen Dreck um das Gemeinwohl scheren? Sind Betrug, und Beihilfe zum Betrug, nicht kriminell?

Serie zum Thema

Teil 1: „Nach-Verdichtung" - und eine menschliche Stadt
Teil 2: Verdichtung = Vernichtung
Teil 3: Siemersplatz-Inferno ist überall
Teil 4: Bauboom, Preisexplosion und Autowahnsinn
Teil 5: Ein neuer Krieg
Teil 6: Umdenken in der gesamten Stadtpolitik
Teil 7: Beispiel Höxterstraße
Teil 8: Opfer mächtiger Interessen
Teil 9: Verdichtung und Wachstum - ohne Ende
Teil 10: Bedrohte Idylle
Teil 11: Preisexplosion und Kapitalvermehrung
Teil 12: Verfolgt: Der Fußgänger
Teil 13: Ungewöhnliche Naturidylle
Teil 14: Und die Bäume stören


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© Lokstedt-online 15.12.2018, Autor: Manfred Bonson