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Heimat

Ungewöhnliche Naturidylle

Ich wache früh auf und noch im Dunkeln höre ich schon Vögel zwitschern im Garten. Und wenige Stunden später singen noch mehr Vögel in der Sonne. Es ist irgendwie ein Gefühl von Frühling, obwohl es heute Nacht noch gefroren hat. Aber die Sonne wärmt schon: Vorfrühling. Teil 13 einer Serie von Manfred Bonson

Vorfrühling Mitte Februar - um einen Monat vorverlegt. Ich höre die Natur, ich sehe sie - auch wenn sie verrückt spielt, genieße ich sie doch. Ich rieche die Natur auch, etwas wenigstens - wenn auch nicht so intensiv wie im Münsterland. Und es ist auch nicht diese friedvolle Ruhe, die ich gestern noch im Münsterland erlebt habe: Das ständige Brummen des Autoverkehrs ist hier in Lokstedt im Hintergrund zu hören - und bald übertönt es den Vogelgesang.

My home is my castle - the city the hell...

Heimat Lokstedt - oder Heimat Münsterland? In Lokstedt bin ich aufgewachsen. Aber Heimat ist vor allem mein Garten und mein Haus: „My home is my castle“. Schon als Kind träumte ich immer wieder, ich würde unser Haus wie eine Festung verteidigen. Wer sollten die Feinde sein? Vielleicht war es ein Nachklang der Kriegsereignisse. Ich erinnere noch, wie mein Großvater mich in den Bombennächten in den Keller trug. Ich bin im Januar 1944 geboren.

Aber ist Lokstedt als Stadtteil noch Heimat? Die Höxterstraße ist unverändert - nein, sie ist verändert: dadurch, dass die Straße voller Autos steht und einige frühere Villen mit weiträumigen Gärten durch große Wohnkomplexe ersetzt wurden. Und wenn ich mich aus der immer noch verhältnismäßig ruhigen Wohnstraße hinauswage, bin ich mitten im brausenden Verkehr, schlagen mir Lärm und Abgase entgegen - und ich muss diese Qual lange ertragen, bis der Autostrom einmal anhält, um mich gnädig auf die andere Seite hasten zu lassen. Heimat? - das ist schlecht möglich unter diesen Verhältnissen. Ich bin der zweitälteste Bewohner meiner Straße - und ich frage mich auch, wie die vielen Neuankömmlinge Lokstedt als Heimat empfinden können. - Brauchen wir eine Heimat? Das Auto zerstört die Heimat. Brauchen wir das Auto? Ich habe ein Auto nie gebraucht. Sorry.

Parkplatz statt Spielplatz

Wir brauchen menschliche Städte. Und unsere Städte sind unmenschlich, wenn sie vom Verkehr zerschnitten werden, wenn das Grün vernichtet wird. Wenn das Auto über alles gestellt wird. Wenn unsere Lebensraum nachverdichtet und wir eng zusammengepfercht werden wir die „Sardinen in der Büchse“. Der Mensch braucht Raum, Platz zu leben, Distanzen, Luft: reine Luft! Und ein gewisses Maß an Ruhe, keine Hektik. Ja, und er braucht vor allem das Maß - nicht die Maßlosigkeit, die wir in Hamburg erleben, in der entfesselten Kapitalismusmetropole.

Wenn ich aus dem Wohnzimmerfenster nach rechts schaue, blicke ich jetzt neben meinem Garten auf einen Parkplatz: Wo gestern beim Nachbarn noch ein schöner grüner Garten war, ist heute eine öde, zugepflasterte Autoabstellfläche. Nachbars Haus wurde abgerissen, ein großes Gebäude für 8 - 10 teure Miniwohnungen kam dorthin. Aber der Parkplatz wurde widerrechtlich gebaut: Die Baubehörde verlangte statt großem Parkplatz eine Grünfläche: Eine „Kinderspielfläche - Rasenfläche mit Spielgeräten“ von 10 qm sollte eingerichtet werden. So steht es im genehmigten Bauplan! Nun sehe ich stattdessen eine schön versiegelte Fläche für die Autos. Wozu brauchen wir Kinderspielflächen, wenn wir doch Smartphones und Tablets für unsere Kleinen haben - und Autos, mit denen wir sie zum nächsten Event bringen können ?

Nun, eine menschliche Stadt, eine Heimat geht nicht ohne eine erhebliche Verminderung des Autoverkehrs, geht nicht ohne Freiräume, geht nicht ohne - gute Luft! Aber wie soll das gehen, wenn die Politik nur als der verlängerte Arm der Autoindustrie und als Garant ihrer Maximalprofite agiert.

Heimat fern der Stadt?

Ich bin wieder im Münsterland, in Lüdinghausen - meinem zweiten „Home“ - Heimat?

Ich stehe früh am Sonntagmorgen auf: Es ist noch halb dunkel, aber im Osten zeigt sich schon die Morgenröte: Der Himmel beginnt hell zu werden: hellblau, orange und rot. Und es werden immer mehr Vögel: nicht nur Spechte und Amseln - auch Meisen und einen Raben hört man und eine Krähe kräht in der Ferne, es ist ein richtiges Konzert: Frühling im Februar - bei 0 Grad morgens - 15 Grad am Mittag. Ich mache das Fenster einen Spalt auf, nur einen Spalt, und lasse die kalte Luft herein - und die Geräusche, den Gesang der Natur. Noch kein Auto…alle Menschen schlafen noch. Nach einiger Zeit wird der Gesang leiser, die Vögel hüpfen im Laub des Gartens hin und her. Sie widmen sich ihrem Tagesgeschäft: der Nahrungssuche, was ihnen in diesem Februar nicht schwer fällt. Sie finden vieles in und unter den braunen Blättern, die ich bewusst nicht „entsorgt“ habe.

Zu viele Autos? Versiegelung des Bodens, Flächenfraß? Artensterben - Fremd scheinen diese politischen Begriffe in der Idylle...

Scheinen...

Bald wird das erste Auto zu hören sein, der erste „Brötchenfahrer“. Nein, das ist nicht der, der die Brötchen bringt, sondern der, der sie holt: Ein kleines Tütchen mit 3 Brötchen - und ein großes Auto. Maximale Entfernung mit dem Fahrrad bei bestem Wetter: 5 Minuten!

Nachtrag

Gestern fuhr ich von Lüdinghausen mit der Bahn nach Münster zum Markt. Ich dachte in Ruhe an Lokstedt, an den Begriff Heimat, an Abgaswerte, Grenzwerte und Verkehrswende…was soll der Streit? Die Luft ist schlechter in der Stadt, die Lebenserwartung geringer. Auch Stress und Hektik tragen dazu bei. Dichte ist ein Stressfaktor. Urbanisierung wird offensichtlich - weltweit - als ein Naturgesetz angesehen, ebenso wie Motorisierung - und Wirtschaftswachstum.

Ein völliges Umdenken wäre notwendig, eine Verkehrswende. Eine Abkehr vom Fetisch Auto. - Aber: Wann blockieren wir den Siemersplatz (in gelben, oder anderen Westen)?

Literatur

Zur aktuellen Diskussion:
Gerhart Baum: „Operation heiße Luft“, Süddeutsche Zeitung 06.02.19
„Selbstbetrugsmaschine Diesel“, Handelsblatt 03.10.18

Zum Thema Urbanisierung:
„Menschenfeindlich, kalt, lieblos - die Misere der deutschen Stadt“, Welt 16.01.19

Zum Thema Auto und Entschleunigung:
„Goodbye Auto“, Carsten Otte, Goldmann-Verlag 2009
„Stehzeuge - Der Stau ist kein Verkehrsproblem“, Hermann Knoflacher, Böhlau-Verlag 2001
„Fahren, fahren, fahren...“, Paul Virilio, Merve-Verlag 1978
Der kürzlich verstorbene französische Philosoph Paul Virilio stellt unsere Geschwindigkeitseuphorie grundsätzlich in Frage. Dieser Essay erschien mit anderen Schriften von ihm inzwischen in neueren Ausgaben.
Ferner informiert der „CAS-Club der Autofreien der Schweiz“ innerhalb des VCS (Verkehrsclub der Schweiz) über Möglichkeiten der autofreien Mobilität.

Noch eine Anmerkung:
Etliche europäischer Städte verwirklichen Mobilitätskonzepte, mit denen der Autoverkehr in der Stadt vermindert wird, z. B. London, Paris, Madrid, Oslo, Stockholm, Kopenhagen, Basel, Zürich u.a.. Besonders vorbildlich ist Grenoble. In Hamburg - und gerade in Lokstedt - können wir davon nur träumen - oder vielleicht einmal hinfahren (wenn die Deutsche Schrottbahn einen lässt)?

Und zu allerletzt

Eben lese ich, dass das bayerische Volk die Bienen retten will, und nicht nur sie (Telepolis, 16.02.19: „Noch eine Öko-Krise - und keiner merkt es“).
Vom Artensterben merke ich hier wenig. Die Vögel trotzen erstaunlicherweise den Unbilden selbst einer Riesenstadt wie Hamburg, und freuen sich sogar über den Klimawandel, und meine Mieter klagen sogar über Insekten auf dem Balkon im Sommer, vermutlich nicht Bienen, sondern Wespen. Überdies, von den fehlenden Insekten auf den Windschutzscheiben merke ich auch nichts, da ich nicht Auto fahre. Aber viele Wirkungen der auch in unserem holsteinischen Umland industrialisierten Landwirtschaft können wir schon bemerken. Das Höfesterben, auch bei unseren Nachbarn, trägt zu den motorisierten Pendlerströmen in die Stadt bei, auch über den Siemersplatz. Und es führt zur Arbeitsplatz- und Wohnungssuche in unserer Stadt und in unserem Stadtteil, wo es immer enger wird. Und: Wenn früher die Butter aus Schleswig-Holstein kam, wenige Kilometer entfernt, oder sogar von unserer örtlichen Molkerei am Lokstedter Steindamm (!), wird sie heute - welch ein Wahnsinn - zu einem nicht geringen Teil aus Irland heran gekarrt, auf LKWs, die durch Lokstedt donnern - vorbei an der ehemaligen Meierei, 5 Minuten von mir entfernt, wo ich als Kind immer direkt die Milch holte, und die leckere Kaffesahne, den fetten Rahm, den ich so schleckte - ohne Kaffee natürlich...

Serie zum Thema

Teil 1: „Nach-Verdichtung" - und eine menschliche Stadt
Teil 2: Verdichtung = Vernichtung
Teil 3: Siemersplatz-Inferno ist überall
Teil 4: Bauboom, Preisexplosion und Autowahnsinn
Teil 5: Ein neuer Krieg
Teil 6: Umdenken in der gesamten Stadtpolitik
Teil 7: Beispiel Höxterstraße
Teil 8: Opfer mächtiger Interessen
Teil 9: Verdichtung und Wachstum - ohne Ende
Teil 10: Bedrohte Idylle
Teil 11: Preisexplosion und Kapitalvermehrung
Teil 12: Verfolgt: Der Fußgänger
Teil 13: Ungewöhnliche Naturidylle
Teil 14: Und die Bäume stören

Schreiben Sie zu diesem Thema einen Leserbrief!

© Lokstedt-online 22.02.2019, Autor: Manfred Bonson