Baumstumpf

Frühling in Lokstedt

Und die Bäume stören

Ich schaue hinaus auf meinen Garten in der Höxterstraße: Nun wird alles grün, wirklich grün und bunt - scheint mir recht früh. Die ersten Kirschbäume sind voller rosa Blüten, wie Kelche sitzen sie auf den Zweigen, der Pflaumenbaum hat viele kleine weiße Blüten, mit sternförmigen Blütenblättern, andere Büsche blühen gelb, wieder andere haben leuchtend rote Blätter und und und... eine bunte Pracht. Und ist das nicht ein Fliederbusch, der schon zu blühen beginnt? Bei manchen bin ich mir noch gar nicht sicher. Warten wir ab, was daraus wird, und freuen wir uns auf die Überraschung oder auf das Wiedererkennen. Teil 14 einer Serie von Manfred Bonson

Der Garten blüht

Das Gras wächst auch, und das Unkraut - oder sind es Wildkräuter, oder sind gar Blumen dazwischen? Ich möchte es wachsen lassen, nicht dazwischen gehen, der Natur ihren Lauf lassen - erst einmal. Auch wenn der Garten nicht so geschniegelt aussieht wie andere. Er ist Leben. Und mein Rasen wird ohnehin nie „rasiert“ …

Ich gehe nach draußen und genieße es, dass ich die Wäsche im Freien, in der sonnigen Natur unter strahlend blauem Himmel aufhängen kann. Und ich freue mich, dass hinter den grünen Zweigen meine weißen T-Shirts hervorleuchten und im warmen Wind flattern.

Bäume stören

Aber wo Freude ist, ist auch Leid. Kaum ist der Neubau auf dem Nachbargrundstück beendet und hat der Lärm der Baumaschinen - nach 2 Jahren - aufgehört, höre ich vom Gartenrand neuen Motorenlärm. Es ist das direkt angrenzende Grundstück an der Parallelstraße, schräg hinter meinem Garten: Ein Mann mit Ohrenschützern und Helm und einer Motorsäge klettert den Baum hinauf und beseitigt den Efeu und die Äste. Es ist eine hohe schöne schlanke Birke. Zusammen mit den Nachbarbäumen bildet sie ein Ensemble, das meinen Garten fast umrahmt. Wenn ich in den letzten Jahren darauf blickte, hatte ich oft den Eindruck, ich wäre fast im Wald.

Ich gehe zu dem Mann und frage ihn bedauernd, warum denn der schöne Baum fallen müßte. Er versichert mit überzeugender gärtnerischer Kompetenz, der Baum wäre krank. „Was hat er denn?“ „Er hat einen Pilz. Ich habe eine Genehmigung.“ Nun ja, dann... kann man nichts machen. Wie gutgläubig ich doch bin. Der Baum sieht wirklich gesund und stark aus. Nachher höre ich lange eine Auseinandersetzung. Ein beherzter Nachbar hat sich eingemischt - und schließlich ruft er die Polizei. Der Arbeiter steigt ab: „Ich will keinen Ärger.“ „Eine Genehmigung gibt es also offensichtlich nicht?“ Ein anderer Arbeiter beschimpft mich unflätig. Also klar: ohne Genehmigung!

Später sehe ich, dass auch eine Reihe anderer Bäume auf dem Grundstück schon gefällt ist, mit oder ohne Genehmigung? Es ist ohnehin genau der letzte Tag vor dem saisonalen Baumfällverbot. Die ehemals so stattliche Birke steht nun arg gerupft da: Ein langer kahler Stamm bis endlich oben die noch erhaltene Krone kommt. Ob sie überlebt?

Nun Recht und Gesetz scheinen vielen egal zu sein. Der Profit zählt. Auch dieses Grundstück an der Corveystraße ist verkauft worden. Die Besitzer sind gestorben. Die Kinder woanders. Verkaufe ich mein Grundstück, kann ich mir einen schönen Lebensabend machen. Die Preise gehen ins Uferlose, entsprechend auch die Mieten. Vielen Dank, Vater Staat, dass du dem Kapitalismus freien Lauf lässt!

Autos statt Kinder

Das Grundstück wird natürlich bis zum Rand ausgekoffert, damit man einen großen profitablen Bau draufsetzen kann. Das hübsche Einfamilienhaus wird abgerissen: „Alt“, „baufällig“ - natürlich! Wahrscheinlich ist der Pilz drin. Der Garten wird zur Schotterfläche und zum Parkplatz - wie bei meinem direkten Nachbarn. Dessen ehemaliger Garten ist zwar laut genehmigtem Bauplan, den ich als Betroffener einsehen konnte, zum größten Teil als Rasen- und Spielfläche für Kinder vorgesehen.* Aber - nun ja, was schert mich Recht und Gesetz, wenn ich Gewinn machen möchte?

* Die Hamburgische Bauordnung schreibt ab 3 Wohnungen zwingend die Anlage einer mindestens 100 qm großen Spielfläche für Kinder vor. Ihr wird in den Erläuterungen ausdrücklich der Vorrang vor Stellflächen für Autos eingeräumt. (§ 10 Hamburgische Bauordnung. Erläuterungen für den Bauprüfdienst BPD 1 - 2012).

Stadt- und Klimastress

Es ist die hässliche Seite des Kapitalismus, die uns letztlich zugrunde richtet. Immer mehr versiegelte Flächen, immer weniger Bäume, immer mehr Autos schaffen ein unerträgliches Stadtklima. Sie schaffen Stress, für die Menschen, für die Tiere und für die Pflanzen. Der letzte Sommer war so trocken und so warm wie vermutlich noch nie.

Meine Konifere, optisch so wichtig für den Garten, war im Spätsommer schon zur Hälfte braun geworden. Sie scheint sich jetzt erst mal wieder zu erholen. War es das viele Wasser, das ich ihr im August gab, das ihr Leben gerettet hat ?

Auch die Konifere beim Nachbarn, neben dem illegalen Parkplatz, sah genau so aus wie meine: Fast die Hälfte der Nadeln vertrocknet. Sind es vielleicht eigentlich standortfremde Nadelhölzer, die den Klimastress nicht aushalten?

Die Konifere nebenan ist verschwunden: Sie wurde bei der Gelegenheit - offensichtlich - beseitigt...

Düstere Aussichten

Wenn ich durch die Höxterstraße gehe, sehe ich so manches Haus, manches Grundstück, bei dem ich mich frage, wie lange es noch stehen wird. Der Druck des Kapitals ist enorm. Die Urbanisierung Lokstedts wird rücksichtslos vorangetrieben. Die Folgen für die Umwelt und die Lebensqualität spielen keine Rolle.

Serie zum Thema

Teil 1: „Nach-Verdichtung" - und eine menschliche Stadt
Teil 2: Verdichtung = Vernichtung
Teil 3: Siemersplatz-Inferno ist überall
Teil 4: Bauboom, Preisexplosion und Autowahnsinn
Teil 5: Ein neuer Krieg
Teil 6: Umdenken in der gesamten Stadtpolitik
Teil 7: Beispiel Höxterstraße
Teil 8: Opfer mächtiger Interessen
Teil 9: Verdichtung und Wachstum - ohne Ende
Teil 10: Bedrohte Idylle
Teil 11: Preisexplosion und Kapitalvermehrung
Teil 12: Verfolgt: Der Fußgänger
Teil 13: Ungewöhnliche Naturidylle
Teil 14: Und die Bäume stören

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© Lokstedt-online 25.04.2019, Autor: Manfred Bonson