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Heimatbücher

Wir gehen ins Dorf!

In den letzten Tagen vertiefte ich mich in einige ältere Heimatbücher über Lokstedt. Es ist erstaunlich, bewundernswert, wie viele alte Fotos aufbewahrt wurden, und wie viel sie wiedergeben von der alten Zeit, und von der ältesten Zeit: Die Bauernhöfe im alten Dorf Lokstedt, Fachwerk und strohgedeckt. Alles später verschwunden. Von Manfred Bonson

Ein einziges Bauernhaus, das von Frau Karp, kannte ich noch in den 1940er /50er Jahren. Ich holte mir dort immer meine Karl-May-Bücher - „Durchs wilde Kurdistan“. Und selbst wenn ich heute Sendungen mit kurdischer Folklore mache, habe ich Karl Mays Weisheiten über die „Ungläubigen“ noch im Hinterkopf. Wir sagten damals noch, wenn wir in diesen Ortsteil gingen, „wir gehen ins Dorf“. Frau Karps Bauernkate schloss die Vogt-Wells-Straße optisch ab. Wie wichtig ist es doch, dass eine Straße eine solche „Perspektive“ hat. Man blickt am Anfang in eine Straße hinein, und man sieht am Ende ein besonderes, ein schönes Gebäude: Früher wurden Städte oft so gebaut, und den „Straßenabschluss“ (der nur aus der Entfernung wie ein Ende wirkt) bildeten oft Kirchen. In Münsters schöner Altstadt z.B. führen gleich mehrere Straßen auf die alte Ludgerikirche zu. Wenn Hamburger Stadtplaner behaupten, sie würden auf Schönheit achten, wie jetzt wieder in einem Artikel im Merian (1)., dann fragt man sich, welche Schönheit sie meinen.

Nicht wieder zu erkennen

Es erfüllt mich mit Wehmut, wenn ich die alten Bilder in den Heimatbüchern (2). sehe, und die Texte lese, die berichten, wann und warum und wozu das alles abgerissen wurde. Und es erfüllt mich mit Ärger, mit welcher Rücksichtslosigkeit und Unbedenklichkeit, eins nach dem anderen beseitigt wurde. Man möchte diese Bücher eigentlich gleich wieder weglegen; denn man denkt: Es hat ja alles doch keinen Sinn, es ist Vergangenheit, unwiederbringlich verloren, und das Lokstedt von heute hat immer weniger gemein mit dem Lokstedt von damals. Es ist nicht mehr wieder zu erkennen, wird immer mehr bis zur Unkenntlichkeit umgestaltet, urbanisiert. Ich brauche nur in meine unmittelbare Wohnumgebung zu schauen, in meine Straße, die Höxterstraße. Wieder wird eine alte Fachwerkvilla am Anfang der Straße einem großen Wohngebäude weichen, und das Haus daneben ist auch schon leergeräumt.

Abriss als Prinzip

Es ist der unabänderliche Wandel werden viele sagen. Aber das trifft nicht die Ursachen. Die meisten Häuser, die in den Lokstedter Heimatbüchern beschrieben werden, fielen dem Straßenbau zum Opfer. Die autogerechte Stadt ist aber keine lebenswerte Stadt. Heute werden meist andere Argumente ins Feld geführt, etwa, es sei nicht rentabel ein Gebäude zu erhalten - wenn überhaupt Gründe für den Abriss genannt werden, so selbstverständlich ist er schon geworden. Und oft sind es auch neuere Bauten, die unter den Abrissbagger kommen: Der Lebenszyklus der Gebäude wird immer kürzer! (3). Dies ist nicht nur unter ästhetischen und kulturellen Gründen verwerflich, es ist auch der helle Wahnsinn, wie viel Ressourcen und wie viel Energie bei diesem ständigen Abriss und Neubau verschwendet werden.

Lebensqualität

Das neue Dogma, mit dem alles gerechtfertigt wird, heißt Verdichtung.Allein bei dem bloßen Wort kommt mir das kalte Grausen. Wir wollen eine lebenswerte Stadt mit viel Grün, nicht noch mehr Dichtestress! Die beiden historischen Lokstedter Häuser - um 1845 gebaut - am Lokstedter Steindamm gegenüber der Sottorfallee, wurden zerstört zugunsten eines großen gesichtslosen Kastens mit „vielen Komfortwohnungen für den gehobenen Bedarf“... Es ist nicht nur der Verlust von Geschichte, es ist der Verlust von Lebensqualität. Schönheit gehört auch zur Lebensqualität. Und wie viel Autos mehr bedeutet das! Neben meinem Haus wurde beim Neubau auf dem Nachbargrundstück der Garten zum Parkplatz und der Vordergarten zur Schotterfläche gemacht. Grün ist Leben - und nicht nur das globale, sondern auch speziell das Stadtklima verändert sich durch Bodenversiegelung - und durch immer mehr Autos.

Die Grenzen des Stadtwachstums

Aber Hamburg muss wachsen - und der Verkehr wächst und muss durch Lokstedt… Hamburg muss größer werden! Muss es das wirklich? Es wäre schön, wenn wir einmal von der Ideologie des immer „Mehr“ herunter kämen, und darüber nachdenken würden, wie wir das Wachstum begrenzen können! Auch das Wachstum der Stadt Hamburg! (4).

Anmerkungen

1. „Zukunft made in Hamburg“, Zeit online27.11.19, übernommen vom „Merian“. Hier wird die fatale Stadtentwicklung schöngeredet. Die Elbphilharmonie und der in der Hafencity geplante Wolkenkratzer werden gefeiert. Das große Geld giert nach mehr. Manhattan ist das Vorbild.

2. Horst Grigat: Hamburg-Lokstedt von der Steinzeit bis zum Jahre 2000. Helene Koden: Unvergessenes Dorf Lokstedt. Ursula Aldag: Lokstedt im Wandel eines Jahrhunderts.

3. Abgesehen von den vielen Häusern in Lokstedt fallen mir in Hamburg das „Allianz“- Hochhaus, das Hotel „Interconti“, die „City-Hochhäuser“ und - als neuestes Beispiel - das „Deutschlandhaus“ am Gänsemarkt ein. Auch wenn dieses Gebäude schon von 1929 stammt - ein Musterbeispiel des modernen „Funktionalismus“ - war der Abriss doch völlig unsinnig.
Aber hier gilt offenbar eine andere „Rationalität“.

4. Man darf in einer „freien Gesellschaft“ nicht über Zuzugsbeschränkungen reden. Ein Berliner Stadtpolitiker tat es trotzdem und wurde rasch zurückgepfiffen (Tagesspiegel, 05.09.19)
Hamburg tut aber umgekehrt alles, um immer größer zu werden, immer mehr Menschen und Betriebe anzuziehen. Dies geht jedoch unweigerlich auf Kosten der Lebensqualität. Einige profitieren, aber die anderen leiden. Kein Verantwortlicher denkt darüber nach, dass weiteres Wachstum nur Probleme schafft. Bombay, Jakarta und Shenshen lassen grüßen. Reichtum schafft es nur für eine kleine Minderheit, die sich in ihre Villen in Blankenese oder in der Lüneburger Heide zurückziehen kann.

Schreiben Sie zu diesem Thema einen Leserbrief!

© Lokstedt-online 18.12.2019, Autor: Manfred Bonson