Leserbrief

Wesentliche Elemente der Nazi-Stadtplanung

(zu: Wunderbare Ruhe vom 29.03.2020 (Antwort auf den Leserbrief von J. Petersen )

Lieber Herr Petersen,
meine Artikel sind nicht wehleidig, sondern sehr sachlich. Auf meine Sachargumente gehen Sie leider nicht ein. Die gegenwärtige Verdichtungs- und Verkehrspolitik bedeutet einen Verlust an Lebensqualität, den viele Einwohner Lokstedts auch so empfinden. Viele leiden unter dem unerträglichen Autoverkehr, der schlechten Luft und dem Verlust an Grün. Dies sind objektive Tatsachen. Ich bitte Sie einfach, diese menschlichen Empfindungen zu respektieren, auch wenn Sie diese Verhältnisse weniger stören, oder wenn Sie meinen, es gäbe Wichtigeres.

Die Ruhe und die saubere Luft des gegenwärtigen Ausnahmezustandes führen uns vor Augen, wie es sein könnte wenn... Es ist traurig, dass es eines solchen Anlasses bedarf.

Wenn ich Hitlers gigantomanischen Pläne für Hamburg erwähnt habe, so hat das nichts mit „Geschmacklosigkeit“ zu tun. Es geht einfach darum, dass wesentliche Elemente der Nazi-Stadtplanung auch den Nachkriegsplänen in Hamburg zugrunde lagen und sie beeinflusst haben. Die Historikerin Sylvia Necker hat das in ihrer Dissertation über den Hamburger Führerstadt-Chefarchitekten Konstanty Gutschow gut herausgearbeitet. Es ist als Buch erschienen: „Konstanty Gutschow - Modernes Denken und volksgemeinschaftliche Utopie eines Architekten“ (1). Beim Wiederaufbau der Stadt wurden seine Pläne zur Grundlage der neuen Entwürfe. Natürlich nicht alle, aber viele Grundgedanken finden sich wieder und führten etwa zum Bau von Stadtautobahnen und zur autogerechten Stadt, worunter nicht nur Lokstedt leidet (2).

Ich schiebe nicht „die Verantwortung auf andere Quellen“, sondern es gehört zur Pflicht journalistischen und wissenschaftlichen Arbeitens, Quellen zu studieren. Bitte, Herr Petersen, seien Sie so freundlich, sich mit den Quellen, mit den Dokumenten auseinanderzusetzen, bevor Sie ein Urteil fällen.

Heute fürchte ich in der Tat, dass Hamburgs besondere, klassische Stadtsilhouette immer mehr durch Hochhäuser zerstört wird. Diese Entwicklung erinnert mich nicht nur an Hitlers Visionen. Es geht absolut nicht um eine Gleichsetzung. Aber mein Hinweis sollte zum Nachdenken anregen: Gigantonomie, Größenwahn oder, noch salopper gesagt, Großkotzigkeit sehe ich in Hamburgs Projekten immer wieder am Werk. Heute verbinden sie sich mit kommerziellen Investoreninteressen, damals waren es machtpolitische Motive.

Und ein Umdenken sehe ich nicht. Das ist kein Pessimismus, sondern einfach Realismus.

Und was, Herr Petersen, hat der famose Elbtower wohl mit der Mietentwicklung in Hamburg zu tun? Ich zitiere aus dem Reklameprospekt für das Monstrum: „Wohnraum wird es im Elbtower dagegen nicht geben. Dies liegt an den extremen Lärmwerten am Standort zwischen den der sechsspurigen Billhorner Brückenstraße und dem Bahn- und S-Bahn-Verkehr“(3).

Anmerkungen

1. Dölling und Galitz Verlag, Hamburg 2012
2. Lokstedt wird von zwei hochbelasteten Verkehrsachsen durchschnitten: Hoheluftchausse - Lokstedter Steindamm- Kollaustrasse, und: Julius-Vosseler-Strasse – Vogt-Wells-Strasse – Osterfeldstrasse. Letztere Achse dient als Zubringer für den Fernverkehr zur A 7. Der Siemersplatz dient lediglich noch als Kreuzungspunkt.
3. www hamburg > sehenswuerdigkeiten – architektur > elbtower

Weitere Quellen (über die im Artikel „Wunderbare Ruhe“ genannten hinaus):

Alle vier Folgen der Artikelserie von Matthias Iken im Hamburger Abendblatt (2014 - 2016) über nationalsozialistische Projekte und spätere Pläne, Hamburg umzugestalten.

Dirk Schubert: „Hochhäuser in Hamburg - (noch) kein Thema? Geschichte, Gegenwart und Zukunft eines ambivalenten Verhältnisses“, in: „“Hochhäuser in Deutschland: Zukunft oder Ruin der Städte?“, Marianne Rodenstein, Springer-Verlag 2013. (Hier auch interessante Details über die damals hoch umstrittenen Grindelhochhäuser).

Spiegel-Special 1/2003: „Die Folgen der Zerstörung - Bomben für den Wiederaufbau“.

NDR Geschichte, 26.7.2013: „Er war der Albert Speer von Hamburg“.

NDR Geschichte, 26.7.2013: „Hitlers Hafen - Die Nazi-Pläne für Hamburg“.

Jörg Hackhausen: „Stadtplanung in Hamburg – Kontinuitäten und Wandel vom Generalbebauungsplan 1940/41 bis zum Aufbauplan 1950“. GRIN Verlag 2007.

„Die Stadt und das Auto: Wie der Verkehr Hamburg veränderte“ - Schriftenreihe des Hamburgischen Architekturarchivs, Dölling und Galitz Verlag Hamburg

Welt 1.6.2012: "Platz für die autogerechte Stadt“,

Blog: Zukunft Mobilität 25.3.2016: „Funktionieren unsere Städte noch? Die Transformation der autogerechten Stadt zur menschengerechten Stadt.“

© Lokstedt-online 11.04.2020