Gedanken

In den Zeiten von Corona

Ich begann diesen Artikel auf dem Höhepunkt der Corona-Zeit. Und sie war so schön. Pardon, das Wetter war so schön, dass ich die Arbeit daran eine Weile ruhen ließ. Und als die Sonne dem Regen wich, machte auch der Corona-Ausnahmezustand allmählich wieder der Normalität Platz. Von Manfred Bonson.

So ist der Anfang meines Textes also schon wieder historisch, aber dennoch nicht ohne Wert, hoffe ich. Krisen haben immer zwei Seiten.

Idyllische Abendstimmung

Ich sitze gemütlich im Garten, es geht auf den Abend zu, und die Maschinengeräusche der unermüdlichen Heim- und Gartenwerker sind endlich verstummt: Keine Säge, kein Motorrasenmäher, kein Laubsauger, kein Heckenschneider und was auch immer an Technik aufgeboten wird nervt mehr. Ich sehe nur das Grün, das jetzt üppig wächst, die vielen Rosen, die jetzt alle aufgeblüht sind, und höre ein Brummen im Hintergrund, das nicht wie sonst vom Autoverkehr der Straße kommt, sondern es sind die vielen Bienen, die in dem großen Rosenbusch umherschwirren und summen. Ich rieche den Duft, den wunderbare Frühlingsduft! Und ich freue mich über die vielen Vögel, die ihr Abendkonzert geben, ein vielstimmiger Chor der Amseln und Meisen vor allem. Dazwischen gurrt manchmal eine Taube - und von Ferne höre ich den Kuckuck. Nein, das ist zu viel der Schwärmerei: Den Kuckuck habe ich noch im Ohr von unserer kleinen Radtour durchs Gehölz am Vormittag, wo wir sogar ein Storchenpaar auf der Lichtung sahen. Es war ein schöner Tag, mit einem strahlend blauen Himmel, wie wir es schon so oft erlebt haben in diesem Jahr. In Corona-Zeiten ist man natürlich nicht allein im Wald, und es kann schon eng werden auf den Spazierwegen. Man steht am besten früh auf, um das ungewohnte Gedränge in der Natur zu vermeiden. Die meisten schlafen jetzt länger.

Coronanächte

Ich lasse die Schlafzimmerfenster nachts auf, um die ungewöhnlich reine Luft zu genießen und die ungewöhnliche Ruhe. Nur wenige Autos stören den himmlischen Frieden. Nachtschwärmer kommen in der Stadt gegenwärtig nicht so sehr auf ihre Kosten. Restaurants und Vergnügungsstätten werden weniger besucht oder sind geschlossen.

Aber ich werde früh wach. Es sind LKWs auf der nahen Hauptstraße mit ihren langgezogenen Fahrgeräuschen, die schon am frühen Morgen unterwegs sind. Der Wirtschaftsverkehr ist durch Corona nicht viel weniger geworden. Die Supermärkte müssen beliefert werden mit dem, was der Mensch auch in Coronazeiten braucht.

Zeit der Besinnung?

Ich habe jetzt mehr Zeit zum Lesen und lese viel darüber, dass wir die Zeit des Innehaltens doch nutzen sollten, um über den Sinn unseres Gesellschafts- und Wirtschaftsmodells nachzudenken. Muss man z.B. von Hamburg nach Berlin, Frankfurt oder München fliegen? Als Lokstedter liegen wir - je nach Windrichtung - mehr oder weniger über der Ein- und Abflugschneise des Flughafens Fuhlsbüttel. Und wenn ich das Grab meiner Mutter auf dem Friedhof in Niendorf besuchte, donnerte oft im Abstand weniger Minuten ein startendes oder landendes Flugzeug über mich hinweg und störte die Grabesruhe.

Sehr still blieb es hingegen in Politik und Publizistik um den gesundheitsschädlichen Feinstaub, der aus den Düsenabgasen der Flugzeuge in niedriger Höhe herab rieselt und die Stadtluft zusätzlich belastet. Lieber nicht nachdenken über das, was man nicht sieht und nicht riecht...

Aber die Kondensstreifen sehe ich schon wieder am Himmel, und die Parkplätze vor dem Supermarkt sind schon wieder fast voll. Wir hatten eine Atempause, eine Denkpause, aber sie geht zu Ende. Ich höre, die Wirtschaft wird wieder angekurbelt mit Millionen- und Milliarden. Werden diese Summen für ein nachhaltigeres, menschen-, natur- und klimafreundlicheres Wirtschaften eingesetzt? Wie dankbar wären die Mitarbeiter in unserem Pflege-, Gesundheits- und Erziehungsbereich für solche Summen, wie sie die Lufthansa jetzt geschenkt bekommt!

Keine Verkehrswende in Hamburg in Sicht

Das Beste, was man erwarten kann, ist wohl, dass die Elektromobilität stärker gefördert wird. Aber - ich habe es schon früher geschrieben - was habe ich davon, wenn nur noch Elektroautos über den Siemersplatz brausen werden - eines Tages, den ich wahrscheinlich gar nicht mehr erleben werde?
Die Verkehrsströme, die Lokstedt durchschneiden, zerteilen und zerstören, bleiben. Eine Verkehrswende, über die jetzt in aufgeschlossenen Kreisen diskutiert wird, ist etwas anderes. Es ist weniger Verkehr, weniger Autos! Alle Verkehrswissenschaftler sind sich einig, dass wir lebenswertere, menschlichere Städte nur bekommen, wenn wir den Autoverkehr zurückdrängen, vermindern (1).

Hamburg hat dafür kein glaubwürdiges Konzept und für den Stadtteil Lokstedt interessiert sich die Hamburger Politik schon gar nicht. Man glaubt doch nicht im Ernst, dass die Radwege entlang der Hauptstraßen bzw. de facto Stadtautobahnen (teilweise 6 Spuren!) den Autoverkehr verringern! (Von schlichten weißen Linien auf der Fahrbahn ganz zu schweigen) (2).

Und eine zweite U-Bahn durch Lokstedt? Für den Abschnitt Hoheluftbrücke - Siemersplatz? Wozu? Ich steige in den Bus 5, steige nach 6 Minuten an der Hoheluftbrücke in die U3 und bin wenige Minuten später (eventuell mit Umstieg in die U2) in der City. Für mich die übliche Geldverschwendung! (3).

Menschenfeindliche Strukturen

Eine menschenwürdige, lebendige und lebenswerte Stadt, zu der auch eine andere Verkehrspolitik gehört, kann nur durch ein politisches Gesamtkonzept erreicht werden, das die Stadt als Ganzes betrachtet. Alles hängt miteinander zusammen, und Verkehr wird geschaffen, gefördert, ich möchte fast sagen: künstlich erzeugt durch bestimmte Strukturen, die politisch gewollt sind:

Wenn z.B. die Post, die immer am Siemersplatz war, geschlossen wird - dann muss man nach Niendorf fahren. Wer macht das mit dem Fahrrad? (Eine bescheidene Möglichkeit bietet noch die Poststelle im Edeka-Supermarkt an der Osterfeldstraße und die Paketstelle am Rütersbarg.) Und, viele Zugezogene wissen es vielleicht nicht, es gab auch ein Ortsamt Lokstedt und eine Polizeiwache in der Sottorfallee. Die Zentralisierung öffentlicher Einrichtungen bedeutet grundsätzlich längere Wege - und deshalb mehr Autoverkehr. Dasselbe gilt für Geschäfte. Feinkost Behrmann, der letzte traditionsreiche Lebensmittelladen am Siemersplatz, musste aufgeben. Die überflüssigen Busbeschleunigungsumbauten gaben ihm den Todesstoss. Gemüsehändler und Bäcker existieren am Siemersplatz noch trotz aller Widrigkeiten. Wie lange bleibt die Sparkasse? Früher gab es unter anderem, einen Schlachter und ein Papierwarengeschäft am Siemersplatz. Man konnte sich voll versorgen für den täglichen Bedarf und brauchte kein Auto.
Man kann wohl nicht behaupten, dass ein Reiterladen, Brasilianische Haarentfernung oder ein Teppichgeschäft an der Stelle von Behrmanns Laden alltägliche Bedürfnisse befriedigen.

Autoverkehr ist kein Naturgesetz, sondern u.a. bedingt durch bestimmte Strukturen. Und auch diese Strukturen sind kein Naturgesetz, sondern durch politischen Willen entstanden - durch eine falsche und gedankenlose Stadtplanung (4).

Der Mensch muss in seiner unmittelbaren Umgebung viele Möglichkeiten haben, und alles, oder vieles Wichtige, muss zu Fuß oder mit dem Fahrrad erreichbar sein - problemlos und ungefährdet erreichbar! Das heißt, ein Bezirk, eine Nachbarschaft, ein Stadtteil muss wie eine Kleinstadt ein lebendiges Zentrum haben. So eines wie z.B. Niendorf es mit dem Tibarg hat, der ja nicht nur aus dem Einkaufszentrum besteht, sondern auch aus einem langgezogenen Platz mit Geschäften, Cafés und Restaurants - und Bänken, wo man sich auch ganz unkommerziell ausruhen und begegnen kann.

Solche geselligen Plätze und solche Möglichkeiten zu erhalten, oder wieder zu schaffen, im unmittelbaren Nahbereich, wäre Aufgabe der Stadtpolitik - auch für Lokstedt. Das kommt der Hamburger Politik aber offensichtlich nicht in den Sinn - abgesehen eben vom Tibarg, wo wenigstens einmal gezeigt wurde, was möglich ist.

Hamburg hat den Anschluss verloren

Es gibt inzwischen viele Städte in Europa, wo es ganz anders läuft. Wer einmal über den Tellerrand hinausschauen und sich mehr über vernünftige, menschen-, umwelt- und klimafreundliche Stadtplanung informieren möchte, für den gibt es eine Fülle von Informationen. Das ebenso ideale wie weithin unbekannte Vorbild ist Pontevedra in Nordwestspanien. Hier hat ein Arzt (!) als Bürgermeister schon seit langem seine Stadt menschlich umgestaltet und den meisten Autoverkehr aus dem Zentrum verbannt. Ich selbst habe dasselbe im letzten Sommer in Debrecen, der zweitgrößten Stadt Ungarns, erlebt: Eine so humane und entspannt-angenehme Atmosphäre! Eine moderne Tram bringt einen ins Zentrum, in dem es keine Autos gibt. Es ist also möglich - wenn man nur will! Mailand hat an einem autofreien Sonntag eine Reduzierung der Luftverschmutzung um 20 - 30 % erlebt. Allerdings macht das nur 2% im Monat aus, da der Verkehr dort sonst normal läuft.

Verkehrsberuhigte Großstädte in Europa

Die folgende Liste nennt europäische Städte, in denen man sich bemüht, im öffentlichen Raum dem Fußgänger, dem Radfahrer, dem menschlichen Leben wieder den Platz, den Raum zu geben, der ihm gebührt: In Paris verfolgt die couragierte Bürgermeisterin Anne Hidalgo ein geradezu revolutionäres Konzept der Verkehrsberuhigung und Aufwertung der Nachbarschaftsquartiere. Paris, Madrid, London, Kopenhagen, Amsterdam, Vitoria-Gasteiz (Baskenland), Barcelona, Grenoble....Man könnte noch viele andere Städte nennen, wie Basel, Utrecht, Oslo, Stockholm usw. Siehe Liste mit Links im Anhang.

Nachbemerkungen

Diese Zeilen habe ich vor einigen Tagen geschrieben. Das Wetter hat sich nun geändert. Ich hatte schon befürchtet, dass dem prachtvollen Frühlingswachstum ein braunen dürres Elend folgen und im Garten vieles verdorren und absterben würde. Aber der langen Trockenheit folgt jetzt Regen. Ich hoffe, es fällt genug. Und auch der Corona-Ausnahmezustand geht zumindest teilweise zu Ende. Auf vielen Straßen scheint wieder genau so viel Verkehr wie vorher zu sein, wenn nicht sogar zeitweise mehr - als gäbe es einen Nachholbedarf. Aber ich trage immer noch eine Maske, wenn ich einkaufe. Und ich denke: Wäre eine Maske nicht eigentlich auch notwendig, um unsere Gesundheit gegen die Abgase zu schützen? Und: Wie entschlossen, ja drakonisch hat unser Staat auf die Epidemie reagiert! Wäre es nicht auch möglich, ähnlich konsequent gegen die drohende Klimakatastrophe vorzugehen? Ich frage mich, was von den schönen Gedanken, die in der Corona-Quarantäne intensiver als sonst gedacht wurden, in der wirtschaftlichen Aufholjagd, die nun folgt, übrig bleibt. Hamburg, Lokstedt: Business as usual?

Und noch ein Postcriptum

Ich hatte zwei Träume in den letzten Tagen, einen Alptraum und einen schönen Traum. Der schlechte war, dass ich träumte, am Lokstedter Steindamm würden weitere Häuser abgerissen, sogar Nachkriegsbauten, aber ästhetisch recht ansprechende.

Der andere angenehmere Traum: Ich befand mich auf dem Siemersplatz, auf der Seite der Geschäfte. Der Fußgängerbereich war so breit wie fast ein Platz, die Straße weiter weg im Hintergrund und störte nicht. Inspiriert war das Bild sicherlich durch den Niendorfer Tibarg. Zu schön, um wahr zu sein?

Anmerkungen

1. Die Zunft der Verkehrswissenschaftler und Mobiltätsforscher wird immer größer. Zu nennen wären beispielsweise Weert Canzler und Andreas Knie vom Wissenschaftszentrum Berlin, Heiner Monheim an der Uni Trier, Stephan Rammler, die „Gruppe unabhängiger Verkehrswissenschaftler“,
Heinz Hautzinger, Heilbronn, Helmut Holzapfel, Kassel - aber auch der verstorbene Lucius Burckhardt, der die „Promenadologie“, die Spaziergangswissenschaft, entwickelt hat, die jetzt Martin Schmitz in Kassel mit großem Ernst und großer Freude fortführt. Hierzu eine Buchempfehlung: „Einfach losgehen“ von Bertram Weisshaar, Eichborn Verlag.

2. „Wie sicher sind Radfahrstreifen wirklich?“, NDR 21.4.2017. Ich habe gesehen, mit welchem Aufwand und mit welch schlichtem Ergebnis in unseren Nachbarstadtteilen einfach eine weiße Linie auf die Fahrbahn gemalt wurde: auf der Osterstraße, auf der Rothenbaumchaussee und auf dem Mittelweg zuletzt. Ich bin passionierter Radfahrer, aber dort möchte ich wirklich nicht fahren!

3. Die U-Bahnen, so notwendig sie waren, haben die Verkehrslawine nicht aufhalten können. Eine weitere U-Bahn zu bauen ist die bequemste Art, den Autoverkehr unangetastet zu lassen und die Menschen unter die Erde zu zwingen. Es ist die bequemste Art, viel Geld auszugeben, ohne Wesentliches zu ändern - und wirkliche Lösungen auf den St. Nimmerleinstag zu verschieben. Auch die übrige Linienführung der geplanten U 5 ist meiner Ansicht nach bei einer realistischen Analyse des Kosten-Nutzen-Verhältnisses nicht zu rechtfertigen. Meine Meinung zur geplanten neuen U-Bahnlinie (U 5) mag vielleicht recht ungewöhnlich klingen. Ich denke aber, die U-Bahn ist ein Versuch, vom eigentlichen Problem abzulenken. Sinnvoll wäre es, die Buslinie 5 wieder durch eine moderne Straßenbahn zu ersetzen, eine Stadtbahn wie es heute oft heißt, die in dichter Folge mit großen Wagen fährt. Man hatte die Straßenbahn 1978 als Hemmnis für den wachsenden Autoverkehr abgeschafft. Eine Kehrtwende, ein Kurswechsel würde für die Hamburger Politik ein völlig neues Denken erfordern.

4. Das ist aber nur die eine Interpretation. Tatsächlich gab es schon Prioritäten: Wenn z.B. öffentliche Einrichtungen, die bürgernah sein sollten, einfach verschwinden und irgendwo zentralisiert werden, wird damit Geld gespart - das Geld, das dann an anderer Stelle für zweifelhafte Projekte ausgegeben wird und in private Taschen fließt.

Links

www.auto-motor-und-sport.de

www.travelbook.de

taz.de

www.businessinsider.de

www.garten-landschaft.de

www.medienservice.sachsen.de

www.ndr.de

www.riffreporter.de

www.riffreporter.de

www.heraldscotland.com

www.fr.de

www.bikecitizens.net

www.immobilien-magazin.at

bizz-energy.com

docs.google.com

Dieser letzte Link führt zu einer Liste von fast 300 Orten in Nordamerika, Europa, Australien und Neuseeland, in denen im Zuge der Corona-Maßnahmen Straßen für Autos gesperrt und für Fußgänger und Radfahrer freigegeben wurden, um „social distancing“ zu gewährleisten.

Die Stadtentwicklungskonzepte, die in vielen europäischen Städten inzwischen verfolgt werden, brechen konsequent mit den Vorstellung der autogerechten Stadt, und zwar nicht nur verbal, sondern praktisch. Davon könnte sich Hamburg anregen lassen. Aber das wäre eine Revolution der Hamburger Stadtplanung. Und Hamburg ist nicht die Stadt schöpferisch-umwälzenden Denkens, sondern die Stadt der Pfeffersäcke. Das hatte schon Heinrich Heine erkannt, als er Hamburg den Rücken kehrte und nach Paris zog...

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© Lokstedt-online 11.06.2020, Autor: Manfred Bonson